Alemannia Aachen und der Kampf ums Überleben

Wie die Alemannia aus Aachen abstürzte – und die Corona-Krise jetzt für neue Existenzängste sorgt

Aus dem Europapokal in die 3.Liga

In der Saison 2006/07 ging es noch nicht ums Überleben, da spielte Alemannia Aachen letztmals in der Fußball-Bundesliga, der höchsten Spielklasse Deutschlands. 2004 stand man als Zweitligist im DFB-Pokal Finale und unterlag dort dem damaligen deutschen Meister Werder Bremen nur knapp mit 2:3, im Viertelfinale schlug Aachen zuvor den Rekordmeister und heutigen Triple-Sieger Bayern München mit 2:1. So kam es, dass der Verein in der darauffolgenden Saison 2004/05 für ein absolutes Novum im Profifußball sorgte und als Zweitligist im UEFA-Pokal antrat und dort sensationell die Gruppenphase überlebte.

Nach dem unglücklichen Abstieg in die 2.Bundesliga strebte die Vereinsführung den Wiederaufstieg an, die bisherige Spielstätte, der alte Tivoli, musste dem neuen Tivoli weichen. Am 17.08.2009 wurde das Eröffnungsspiel des neuen Tivolis, der nun eine Kapazität von 32.960 Plätzen aufwies, vor ausverkauften Rängen gegen den FC St.Pauli ausgetragen, Aachen ging mit 0:5 unter. Im Jahr 2012 kam es schließlich dazu, dass Alemannia Aachen, damals Tabellenführer in der ewigen Tabelle der 2.Bundesliga, in die 3.Liga abstieg. Dieser sportliche Negativtrend hatte sich in den Jahren zuvor bereits abgezeichnet.

Erste Insolvenz und Abstieg in die Regionalliga West

Zu Beginn der Saison 2012/13 war bereits klar, dass der Bau des neuen Tivoli sowie der Abstieg den Verein in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten gebracht hatte, die sich durch den Abstieg nun verschärften. Am 16. November 2012 meldete die Alemannia Aachen GmbH schließlich Insolvenz an. Die Stadt Aachen erstattete sogar Strafanzeige gegen den ehemaligen Geschäftsführer Frithjof Kraemer.

Die Saison beendete die Mannschaft abgeschlagen auf dem letzten Platz und somit war der Abstieg aus der 2.Bundesliga in den Amateurfußball, zu der die viertklassige Regionalliga West zählt, innerhalb von 2 Jahren perfekt. In der Regionalliga spielt der stolze Verein mit seiner treuen Fangemeinde bis heute, lediglich in der Saison 2014/15 hatte man Chancen auf den Aufstieg, ein Punkt fehlte am Ende zur Meisterschaft. In der selben Saison wurde beim Spitzenspiel gegen RW Essen auch der Zuschauerrekord für die Regionalligen aufgestellt, 30.313 Zuschauer verfolgten den 1:0-Sieg der Heimmannschaft.

Zweite Insolvenz bringt Zuschauerschwund mit sich

Das erste Insolvenzverfahren wurde im Januar 2014 erfolgreich beendet, doch am 21. März 2017 folgte überraschend eine zweite Insolvenz, der gesamte Aufsichtsrat trat zurück, sportlich wurde der Verein vom westdeutschen Fußballverband mit einem Punktabzug bestraft. Im September 2017 musste man auch die Tabellenführung in der ewigen Tabelle der 2. Bundesliga an Greuther Fürth abgeben. In der Regionalliga West spielte der Verein regelmäßig um die Plätze im oberen Drittel, nie mehr aber um den Aufstieg in Liga 3.

Vor der zweiten Insolvenz war noch vor jeder Saison im Umfeld der Alemannia eine Euphorie spürbar, jede Saison aufs Neue hofften die Fans darauf, dass man um den Aufstieg mitspielen könne. Doch durch die wiederkehrenden finanziellen Probleme und fehlende Zukunftsperspektive verloren auch immer mehr Fans das Interesse an der Alemannia. Die Zuschauerzahlen wurden von Jahr zu Jahr schlechter und bewegten sich zuletzt nur noch um die 5000 Zuschauer im Schnitt pro Spiel.

2010/1118.137
2011/1218.613
2012/1311.473
2013/146.172
2014/1510.724
2015/167.954
2016/176.506
2017/186.018
2018/195.194
2019/205.250
Zuschauerschnitt pro Spiel der letzten 10 Jahre bei Alemannia Aachen

Herausforderung Corona

Die aktuelle aber auch schon die letzte Saison, die abgebrochen werden musste, stehen unter dem Schatten der Corona-Krise. Der Spieleretat, den der aktuelle Manager Thomas Hengen zur Verfügung hat, ist nochmal niedriger geworden. 42 Spiele müssen in dieser Saison absolviert werden, 24 Spieler stehen Trainer Stefan Vollmerhausen dafür zur Verfügung.

Sportlich läuft es eigentlich gut, aus den ersten sieben Spielen stehen 14 Punkte zu Buche. Doch das große Problem: Kein Team hat in der Liga bisher so wenig Spiele absolviert wie die Alemannia, einige Vereine haben fünf Spiele mehr auf dem Konto. Coronabedingt hat Aachen am stärksten mit Spielabsagen zu kämpfen, die Mannschaft musste bereits in Quarantäne und konnte wochenlang nicht trainieren.

Mit Blick in die Zukunft – Kann Alemannia Aachen überleben?

Namen wie Erik Meijer, Benjamin Auer oder Werner Fuchs lassen bei den Fans Erinnerungen an goldene Zeiten wach werden. Die mögen zeitlich gar nicht so weit zurück liegen, sind aber selbst mittel- bis langfristig kaum in Reichweite. Eine dritte Insolvenz scheint wahrscheinlicher als ein Aufstieg in Liga 3.

Mal 100, mal 300, mal 1000 Zuschauer waren in dieser Saison zu den Spielen auf dem Tivoli zugelassen. Mit dem erneuten Lockdown für den Monat November werden weitere Zuschauereinnahmen fehlen, eine Besserung der Situation in den nächsten Monaten ist nicht zu erwarten. Und mit einem baldigen Aufstieg wird man nicht kalkulieren können, so viel steht fest. Was bleibt, ist die Frage: Quo vadis Alemannia Aachen?

Hier geht es nicht nur um Tabellen, um Punkte, um Titel. Es geht um viel, viel mehr. 

Thomas Hengen, Sportdirektor Alemannia Aachen

6.12.2020 – Alemannia Aachen überleben – Platz 1

20.12.2020 – Alemannia Aachen überleben – Platz 2

Über den Autor

Paul Felser

Journalist & Student
Paul Felser studiert im ersten Semester Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach. Der gebürtige Aachener ist Fußballfan, Serienjunkie und Vielleser.