Ballbesitzfußball – die Schönheit des Spiels

Hört man sich in der breiten Fanszene um, stößt Ballbesitzfußball vorwiegend auf Kritik. Von ineffizientem Herumgeschiebe ist die Rede. Dabei ist vielen nicht klar, dass der Ballbesitzfußball keinesfalls dem Selbstzweck dient. Man passt den Ball eben nicht von A nach B, um nach Abpfiff grüne Zahlen zu malen. Viel mehr dreht sich das Prinzip des Ballbesitzes darum, den Gegner vor schwierige Entscheidungen zu stellen und zu Fehlern zu zwingen.

Fußball scheint simpel, im Grunde ist er aber wie Schach. Es geht darum, auf dem Spielfeld die entscheidenden Zonen zu besetzen.
Fußball scheint simpel, im Grunde ist er aber wie Schach. Es geht darum, auf dem Spielfeld die entscheidenden Zonen zu besetzen.

Positionsspiel als Grundlage für den Ballbesitzfußball

Das Positionsspiel besagt im Grunde, in welchen Zonen des Spielfeldes sich die Spieler aufhalten sollen. Entscheidend dabei ist, dass möglichst alle Zonen durch einen Spieler besetzt sind. So hat die angreifende Mannschaft das gesamte Spielfeld unter Kontrolle. Gleichzeitig kann sie in allen Bereichen Gefahren für den Gegner provozieren. Johan Cruyff (1947-2016) hat zu seiner Schaffenszeit ein Modell entworfen und das Fußballfeld in 30 Rechtecke aufgeteilt. Pep Guardiola, der als Bewunderer und das Trainererbe Cruyffs gilt, hat dessen Prinzipien weiterentwickelt und das Zonenmodell modifiziert. Seins besteht aus sechs Zonen auf dem jeweiligen Flügel. Zentrum und Halbräume sind in defensive und offensive Parts unterteilt.

Die richtige Raumbesetzung ist entscheidend 

Modelle wie diese sollen den Spielern als Orientierung auf dem Spielfeld dienen. So weiß jeder, in welcher Zone er sich aufhalten muss. Dabei sollen sich die Spieler keinesfalls starr auf einer Handvoll Quadratmetern bewegen. Entscheidend ist, wie sie sich in Relation zu den Mitspielern positionieren. Geht es nach Guardiola, dürfen sich nie mehr als zwei Spieler auf einer Linie befinden. Wichtig ist, dass alle elf Spieler mit möglichst wenigen Kontakten angespielt werden können. Daher ist es für einen effektiven Ballbesitzfußball nützlich, viele Dreiecke und Rauten zu bilden. Sie bieten schon von sich aus mehr Möglichkeiten und erschweren dem Gegner somit das Verteidigen. 

Raumaufteilungen in Form von Dreiecken sind wichtig für einen erfolgreichen Ballbesitzfußball
So sieht eine effiziente Raumaufteilung aus: Es stehen nie mehr als zwei Spieler aus der eigenen Mannschaft in einer Linie. Durch Dreiecke und Rauten bietet sich eine Vielzahl an Anspielstationen.

Die Größe des Spielfeldes nutzen

Hilfreich ist es überdies, den Aktionsradius auf dem Spielfeld so groß wie möglich zu halten. So muss sich der Gegner auf alle Spielfeldzonen gleichzeitig fokussieren. Dadurch hat er kaum Möglichkeiten, in ein effektives Pressing zu gehen. Um das zu provozieren, braucht es auf jedem Flügel mindestens einen Spieler als Breitengeber. Bei Guardiolas Manchester City sind es die beiden Flügelspieler. Sie machen das Spiel breit und ziehen mit Tempo in Richtung Strafraum. Eine andere Variante ist der Außenverteidiger als Breitengeber. Die bietet sich insbesondere dann an, wenn der Flügelspieler seine Stärken im Abschluss hat und sich daher ins Zentrum orientiert.

Guardiolas Manchester City: Ein Vorzeigeprodukt für den modernen Ballbesitzfußball.
Guardiolas Manchester City: ein Vorzeigeprodukt für den modernen Ballbesitzfußball.

Die Aufgabe der Angreifer sind Tiefenläufe. Denn das schlimmste Szenario einer jeden verteidigenden Mannschaft ist ein Ball hinter die letzte Kette. So fällt nahezu jedes Tor in der Entstehung durch einen Pass in die Tiefe. Um die gegnerische Formation auch in der vertikalen Bewegung zu Entscheidungen zu zwingen, ist es also wichtig, immer wieder Tiefenläufe zu starten – auch ohne Ball. Denn allein durch das Antäuschen von Läufen werden gegnerische Spieler gebunden. Dadurch entstehen neue Räume, in die ein Spieler aus der zweiten Reihe stoßen kann.

Das Zentrum als Brücke

Um die gegnerischen Ketten aufzulösen und Räume zu öffnen, ist das Mittelfeldzentrum von elementarer Bedeutung. Zum einen dient es als Brücke, die alle Mannschaftsteile miteinander verbindet. Von hier aus sind alle Zonen am schnellsten erreichbar. Das ist vor allem bei schnellen Spielverlagerungen von großem Vorteil.

Geht die verteidigende Mannschaft auf dem Flügel etwa ins Pressing, so kann die angreifende Mannschaft in nur Bruchteilen von Sekunden den Ball ins Zentrum verlagern. Von dort aus wechselt der Ball direkt die Spielfeldseite. Da ein direkter Seitenwechsel eine hohe Präzision erfordert und unter Gegnerdruck schwer zu spielen ist, bietet sich die Brücke durchs Zentrum als gute Alternative. Positionieren sich die Spieler im Zentrum gut und lösen sich vom Gegner, kann die Verlagerung über sie erfolgen. Das Resultat sind große Raumgewinne und Überzahlsituationen – im seltensten Fall ein gutes Zeichen für den Gegner.

Bälle zwischen die Linien

Darüber hinaus besteht eine Aufgabe der Mittelfeldspieler darin, die Räume zwischen den Ketten des Gegners zu besetzen. Wenn die konsequent anvisiert werden, so löst sich das Linienkonstrukt des Gegners in Teilen auf. Der Passempfänger kann aufdrehen und Torgefahr erzeugen.

Es gibt also einige Grundprinzipien, die den Ballbesitzfußball zu einem effektiven Stilmittel machen. Sie geben der angreifenden Mannschaft nicht nur Hilfestellungen, sondern verdeutlichen auch, worum es beim Ballbesitzfußball eigentlich geht. Und zwar nicht um die Begrifflichkeit als solche. Viel entscheidender ist, wie sich die Spieler positionieren und wo sich die entscheidenden Räume befinden.

Für den Ballbesitzfußball sind Spielverlagerungen unersetzlich
In Pressingsituationen oder bei Raumüberladungen (gelb markierte Zone), versucht der Gegner (blau), eine Überzahlsituation in Ballnähe zu schaffen. Dadurch ergeben sich große Räume (graue Zone), die sich die angreifende Mannschaft (rot) zunutze machen kann. Spieler A verlagert das Spiel ins Zentrum, wo Spieler B in den freien Raum startet und den Ball aufnimmt. Nun kann er aufdrehen. Spieler C und D bieten sich als Anspielstationen im freien Raum.

It’s a game of position, not possession

Domenec Torrent, Assistenztrainer von Pep Guardiola

Ballbesitzfußball in der Praxis

Ziel ist natürlich, auf Grundlage des Positionsspiels zum Torerfolg zu kommen Hierfür muss sich die Mannschaft in Ballbesitz aus ihrer eigenen Statik lösen und einen dynamischen Angriff starten. Um Tempo ins Spiel zu kriegen, gibt es verschiedene Methoden. Eine davon ist die Pass-Klatsch-Kombination. Hierfür bietet sich ein Offensivspieler als Passempfänger an. Sobald er die Kugel bekommt, lässt er sie umgehend auf einen Mitspieler abprallen

Wichtig hierbei: Die Mitspieler müssen sich so positionieren, dass sie den Klatschball empfangen können. Diese Variante hat den Vorteil, dass sie Unordnung in der gegnerischen Formation stiftet. Indem sich der Stürmer etwas fallen lässt, bindet er zugleich einen Gegner aus der Abwehrkette. Zudem lenkt er die Aufmerksamkeit der Defensive auf sich. Dadurch entstehen oftmals Räume für den Empfänger des Klatschballs. Anspruchsvoll ist die Variante dennoch. Die Mitspieler müssen sich zunächst vom Gegner lösen, was nicht immer einfach ist.

Pep und City – das Ballbesitzfußball-Lehrbuch

Ein positives Beispiel bietet Guardiolas Manchester City. Das Tor im Video kombiniert die Pass-Klatsch-Variante mit einem Pass zwischen die Linien. Innenverteidiger Nicolas Otamendi (Rückennummer 30) spielt den Pass auf Kevin De Bruyne (17). Dieser spielt mit Gabriel Jesus (33) Pass-Klatsch, ehe er selbst abschließt. Die „Skyblues“ halten das Tempo in der Aktion hoch, was das Verteidigen erheblich erschwert. So wird der Gegner in Bruchteilen von Sekunden zu Entscheidungen gezwungen. Ein Faktor ist zudem die individuelle Klasse der Spieler: Das Raumverhalten und die Abschlussstärke von De Bruyne, die Spielintelligenz von Otamendi und Jesus. Es ist das beste Beispiel, wie man mit einem guten Positionsspiel, Tempo und individueller Klasse zum Erfolg kommt.

Der Gegner als Marionette

Ein weiteres effektives Mittel sind Raumüberladungen. Dabei gilt es, Überzahl in einer bestimmten Zone zu schaffen. Zum einen ist der Gegner dadurch gezwungen, selbst mehr Spieler auf der Seite zu postieren. Dadurch wiederum bietet er automatisch mehr Räume auf der anderen Seite. Das kann die angreifende Mannschaft für eine Verlagerung nutzen. Raumüberladungen sind somit ein gutes Mittel, um den Gegner ins Laufen zu bringen und dessen kompakte Struktur zu durchbrechen.

Wie Spielverlagerungen in der Praxis trainiert werden können, erklärt der Blog thefalsefullback hier ausführlich.

Ein Verfechter des modernen Ballbesitzfußballs: Pep Guardiola.

Das Geheimnis bei jedem Mannschaftsspiel ist, das Spiel auf die eine Seite zu verlagern, damit der Gegner ins Schwimmen kommt. Den Gegner auf eine Seite zu locken, damit er die andere freigibt

Pep Guardiola

Hinterlaufen am Beispiel des FC Bayern

Verfügt man über offensivstarke Außenverteidiger, bietet sich überdies die Variante des Hinterlaufens an. Ein berühmtes Beispiel ist der FC Bayern. Die große Stärke des Rechtsaußen Arjen Robben lag darin, in die Mitte zu ziehen und selbst abzuschließen. Rechtsverteidiger Philipp Lahm hingegen beherrschte das Flanken gut.

Das Prinzip ist folgendes: Sobald der Flügelspieler an den Ball kommt, sucht er den Weg ins Zentrum. Damit zieht er die Aufmerksamkeit des gegnerischen Außenverteidigers auf sich. Gleichzeitig sprintet der eigene Außenverteidiger Richtung Grundlinie. Der Außenverteidiger des Gegners muss nun eine schnelle Entscheidung treffen. Bleibt er bei Lahm, hat Robben viel Grün vor sich. Entscheidet sich der Verteidiger jedoch für den Niederländer, hat Lahm freie Wiese auf dem Flügel.

Schoss die Bayern 2013 zum Champions-League-Sieg: Arjen Robben.
Philipp Lahm war Kapitän und Leistungsträger beim FC Bayern und in der deutschen Nationalelf.

Ballbesitzfußball: Die goldene Formel?

Es gibt also eine Vielzahl an Möglichkeiten, mit Ballbesitzfußball effektiv vor das gegnerische Tor zu kommen. Dabei ist Ballbesitz bei weitem nicht alles. So gibt es genug andere Spielideen, die zum Erfolg führen. Was der Ballbesitzfußball aber auch nicht ist: ineffizientes Herumgeschiebe. Die Kontrolle über Ball und Spiel dient nicht dem Selbstzweck. Es geht nicht darum, den Ball zu haben, um den Ball zu haben. Es geht darum, die richtigen Zonen zu besetzen und den Gegner damit vor Probleme zu stellen. Oder um es mit den Worten von Domenec Torrent zu sagen: „It`s a game of position, not possession.“


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Bildlizenzen

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„Fernandinho gets an earful from Pep Guardiola“ by five til noon is licensed under CC BY 2.0

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Sämtliche Grafiken in diesem Artikel wurden vom Autor Michael Bojkov illustriert

Quellen

Escher, Tobias (2020), Der Schlüssel zum Spiel, 2. Auflage, Hamburg

Studienarbeit Bojkov Michael, 00160365

Über den Autor

Michael Bojkov

Seit Kindesalter in Südbaden am Bodensee beheimatet. Treibt Sport und schreibt gerne. Hat sich als kleiner Junge in den Fußball verliebt, der seit jeher die Prioritäten des Alltags bestimmt.