Buchblogger auf Bookstagram: Lesen wird kommunikativ

Sich mit einem Buch in eine gemütliche Decke einkuscheln, zwischen den Zeilen verlieren und in fremde Welten eintauchen – das ist der Zauber der Literatur. Durch den fehlenden Austausch ist Lesen als Hobby eine einsame Angelegenheit. Über die letzten Jahre hat sich ein Weg etabliert, daraus eine soziale und kommunikative Leidenschaft zu gestalten: eine Instagram-Community vieler Buchblogger:innen mit dem Namen „Bookstagram“. 

„Book“ und „Instagram“ – aus diesen beiden Begriffen setzt sich der Begriff zusammen. Es ist die Selbstbezeichnung einer Nische auf sozialen Netzwerken, die sich mit Literatur und dem Lesen beschäftigt. Hunderte Buchblogger:innen posten auf Bookstagram regelmäßig Bilder aus ihrem Lesealltag: ein Cover in Detailaufnahme, ganze Bücherstapel im Fokus oder als Selbstinszenierung mit einem Roman in der Hand. Und die Community wächst stetig an: Seit August 2018 haben sich die unter dem Hashtag #Bookstagram hochgeladenen Bilder mehr als verdoppelt – heute findet man dort über 55 Millionen Fotografien. 

Anzahl der unter dem Hashtag #Bookstagram geposteten Bilder auf Instagram seit August 2018.
Anzahl der unter dem Hashtag #Bookstagram geposteten Bilder auf Instagram seit August 2018. Die Werte entstammen dem Carlsen Verlag.
Grafik © Johannes Streb.

Austausch über die Leidenschaft des Lesens ermöglichen

Es ist wohl vor allem eine Möglichkeit, die so viele junge Buchblogger:innen auf die Plattform Bookstagram lockt: Der digitale Austausch mit Menschen, die diese Leidenschaft teilen. „Man findet hier so viele Gleichgesinnte. Wenn wir im normalen Leben Haus an Haus gewohnt hätten, wären wir wahrscheinlich Freunde geworden“, findet Josi Wismar. Sie ist seit fast 5 Jahren unter dem Namen @josiwismar auf der Plattform als Bloggerin tätig. Mittlerweile verfügt sie dort über 15 Tausend Abonnent:innen. Die Lesecommunity hat für sie eine große Bedeutung und ist fest in ihren Alltag integriert. „Andere Blickwinkel auf ein Buch kennenzulernen, macht Lesen als Hobby interessanter und komplexer, als alleine im eigenen Kämmerchen zu lesen“, lobt die 21-Jährige.

„Andere Blickwinkel auf ein Buch kennenzulernen, macht Lesen als Hobby interessanter und komplexer, als alleine im eigenen Kämmerchen zu lesen.“

– Josi Wismar

Für das regelmäßige Pflegen der Feeds verwenden Blogger:innen täglich mehrere Stunden. Annika Schwarzinger (@annikasplatzindieserwelt) kommen die Ideen für die eigenen Bilder oft vor dem Einschlafen. Alleine für das Bearbeiten der Fotos nach dem Shooting benötigt sie mehrere Stunden. Diese Zeit sieht die Literaturwissenschaftsstudentin aber gut investiert: „Für mich ist das ein Hobby und kein Zwang.“ Ihre Bilder sind oft regenbogenbunt, detailverliebt, politisch. Eine Idealvorstellung von einem perfekten Bookstagram-Bild gäbe es für sie nicht, so die Wiener Influencerin. Denn ihr gefalle genau diese Vielfalt und Individualität aller Buchblogger:innen schön, die sichtbar werde. 

Bookstagram – eine politische Plattform?

„Bookstagram ist politischer geworden“, stellt Annika fest. Aktiv auf der Plattform ist sie bereits seit 2015. Während früher ausschließlich Bücher vorgestellt und bewertet wurden, gewähren heute immer mehr Buchblogger:innen auch Einblick in den persönlichen Lebensstil – und greifen dabei politische Themen aus dem eigenen Umfeld auf. Der eigene Account ist für Annika Ausdruck „alles, was einem im Kopf herumgeistert und im Herzen brennt“.

Sie nehme ihre Verantwortung gegenüber ihren Follower:innen sehr ernst: Schon bei einer Abonnent:in gibt es eine Plattform, die man nutzen könne. „Es sind ja keine großen Reden notwendig. Aber wir dürfen auch nicht die Augen verschließen und uns einreden, dass uns Themen nichts angehen“, argumentiert sie. Ihre thematischen Steckenpferde: Selbstliebe, LGBTQ*-Aufklärung und Feminismus. 

Auch Theresa Haubs nutzt ihre Reichweite von 17 Tausend Abonnent:innen des Accounts @bookslove128 für politische Motivationen. Mit ihren „Serious Sundays“ leistet sie sonntäglich in ihrer Instagram-Story Aufklärungsarbeit: Sie habe so schon viele Follower:innen zum Nachdenken über Gesellschaftsrelevantes bringen und eine Diskussion auslösen können. Die aktuellsten thematischen Beispiele:

Sie betont die Wichtigkeit, dass Blogger:innen sich vor dem Posten gut informieren und die eigene Plattform in verantwortungsvollem Rahmen nutzen.

Kostenlose Rezensionsexemplare für Buchblogger:innen auf Bookstagram

Nach eigenen Angaben handelt es sich etwa bei 70 Prozent der Bücher, die letztes Jahr bei ihr eingezogen sind, um „Rezensionsexemplare“: Das sind Buchfahnen, die Verlage und Autor:innen kostenlos Blogger:innen zur Verfügung stellen. Die Gegenbedingung: Eine ehrliche Meinung auf dem eigenen Account posten. Es gibt zwar keine Rezensionspflicht, für die 19-Jährige ist das aber selbstverständlich: „Für mich ist es Ehrensache, Bücher, die ich kostenlos erhalten habe, zu zeigen und zeitnah eine Rezension dazu zu schreiben. Das ist sonst unhöflich.“

„Für mich ist es Ehrensache, Bücher, die ich kostenlos erhalten habe, zu zeigen und zeitnah eine Rezension dazu zu schreiben. Das ist sonst unhöflich.“

– Theresa Haubs

Ihr Eigenverständnis als Buchbloggerin – für die Verlage ein Garant, Werbung zu erhalten und sichtbar zu werden. Theresa freut sich, dass ihre Buchtipps auch außerhalb dieser Bookstagram-„Blase“ Menschen erreichen, die keinen eigenen Buchaccount besitzen. 

Buchblogger:innen lesen auf Bookstagram bewusster

Seit ihrem Blog-Start vor 4 Jahren habe sich das Leseverhalten der Psychologiestudentin deutlich verändert: Sie „trackt“, wie viel sie in welcher Zeit gelesen hat. In Gefahr, dass sie sich selbst unter Druck setzt und mit anderen vergleicht, läuft Theresa mittlerweile nicht mehr. Ihre Devise lautet vielmehr: Akzeptieren, dass man nicht immer mehr lesen kann als andere Buchblogger:innen auf Bookstagram.

Eine weitere Veränderung: Schon während des Lesens formuliert sie mögliche Argumente für die Rezension. Auch Josi Wismar spricht von einem „bewussteren Lesen“, weil sie sich überlegt: „Was würde ich dazu sagen? Was stört mich gerade und wieso? Wie kann ich diesen Kritikpunkt in Worte fassen, um ihn mit anderen Leuten zu teilen?“ 

Rezensionsexemplare als wichtiges Werbemittel

YouTube-Video von Josi Wismar über die Funktionsweise, Rezensionsexemplare zu beantragen.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=giuuQ9Pd30E.

„Rezensionsexemplare sind zum wichtigsten Werbemittel auf dem Buchmarkt geworden“, erklärt Autorin Melanie Strohmaier (30). Die hauptberufliche Friseurin hat bisher drei Bücher veröffentlicht – zwei davon im „Selfpublishing“. So nennt man die Veröffentlichung eines Buchs unabhängig von einem Verlag. Die Autor:in wird somit zum „Selbstverleger“.  „Selbst die großen Verlage bewerben ihre Bücher fast nur noch über Social Media“, erklärt sie. Umso mehr kostenlose Exemplare vergeben werden, desto häufiger taucht das Buch in Posts auf. Im Umkehrschluss: Reichweite und Verkaufszahl steigen. 

Das jedoch stellt viele kleinere Schriftsteller:innen vor Herausforderungen. Denn sie müssen fast den vollen Preis für die Rezensionsexemplare bezahlen. Daher können sie nicht so viele Bücher herausgeben. Die Folge: weniger Reichweite. Zudem seien es aktuell allem „Wohlfühlbücher“ aus dem New/ Young Adult-Bereich, die in großen Verlagen besonders stark nachgefragt sind. Diesem Genre-Trend, so Strohmaier, können und möchten sich die meisten Selfpublishing-Autor:innen nicht beugen. Es stecke oft eine bewusste Entscheidung dahinter, im „Selfpublishing“ zu veröffentlichen: Sich keinen Regeln zu unterwerfen und experimentell zu bleiben.

Häufig stellen Blogger:innen zudem lieber beliebte Bücher vor, um die eigene Reichweite zu erweitern. Die Folge: „Es gibt einige Bücher, die werden omnipräsent dargestellt“, bekräftigt Josi. Ein solcher Hype sei eher prädestiniert für New Adult-Bücher oder Autor:innen mit bereits etabliertem Namen. Für unbekannte Autor:innen sei es daher umso schwieriger, einen derartigen Trend auszulösen.

Algorithmus oder eigener Buchgeschmack?

Zusätzlich trifft jede Buchblogger:in eine eigene Abwägung, welche Bücher dargestellt werden sollen: Werke, die eigenem Buchgeschmack darstellen oder die für den Instagram-Algorithmus förderlich sind? Und die Profit bringen, indem sie den eigenen Account „wachsen“ lassen? Sie könne vorher Wetten abschließen, ob ein Bild floppt oder nicht, erklärt Josi. Bei Büchern, die ihr zwar gefallen haben, aber sonst niemand kennt, falle das Feedback deutlich geringer aus.

Dennoch stehen für sie noch immer eigene Präferenzen im Vordergrund. Das könne sie sagen, weil sie mittlerweile ihr Standing gefunden habe, gibt sie zu. Früher habe sie der Wunsch, unbedingt den Konventionen auf Bookstagram zu entsprechen, stärker aus der Bahn geworfen. „Natürlich geht es nicht darum, ein Bild nur zu posten, um Likes zu bekommen. Aber man fühlt sich in dem, was man tut, schon bestätigt, wenn’s gut läuft“, stellt sie fest. 

Unsicherheit von Bookstagram-Buchblogger:innen gegenüber Mitmenschen

„Ich wollte dringend verhindern, dass viele Menschen davon mitbekommen“, erklärt Lisa Menzel. Sie ist nun seit zwei Jahren als Buchbloggerin unter dem Namen @thebookcam tätig – und ihr war es lange unangenehm, anderen Menschen von ihrem Bookstagram-Account zu erzählen. Es sei die Angst gewesen, verurteilt und kritisiert zu werden, die sie zu diesem Denken verleitet hatte.

Auch die anderen Bloggerinnen bestätigen diesen Eindruck. Noch immer existiert ein überdrehtes Klischee über Lesebegeisterte als prüde, introvertierte und „nerdige“ Mensch mit wenig sozialem Anschluss. So wollte sie nicht gesehen werden. Heute weiß sie mehr zu schätzen, was sie sich mit diesem Projekt aufgebaut hat und wie viel Arbeit darin steckt. „Trotzdem ist die Unsicherheit, dass Leute mich anders sehen oder behandeln, noch immer sehr groß.“ 

„Ich wollte dringend verhindern, dass viele Menschen davon mitbekommen.“

– Lisa Menzel

YouTube-Video von Josi Wismar über Vorurteile gegenüber Bookstagram.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=IVtB15aW7EE.

Bookstagram – allein eine Frage optischer Inszenierung?

Es drängt sich eine Frage auf: Steht auf Bookstagram tatsächlich noch die Liebe zur Literatur noch im Vordergrund – oder ist die Plattform vielmehr dominiert von optischer Inszenierung? „Instagram ist noch immer eine Bildplattform“, argumentiert Josi. Sie ist der festen Überzeugung, durch die Verknüpfung von ansprechenden Fotos mit sinnvollen Texten gehe beides miteinander Hand in Hand. Dass der Textumfang unter einem Post auf 2.200 Zeichen beschränkt ist, sei daher verständlich – das Hauptaugenmerk liege auf visueller Ebene. 

Eine eigene Website mit ausführlichen Rezensionen – vor einigen Jahren stand diese Textform noch stärker im Fokus der Buchblogging-Szene. Heute scheint der Blog Medium veraltet und vielmehr zu einer Nebenerscheinung verkümmert zu sein. Die junge Zielgruppe, an die sich Buchblogger:innen auf Bookstagram richten, ist vor allem auf sozialen Netzwerken sehr aktiv. Diese Plattformen bieten an Überangebot von Konsummöglichkeiten – ein eigener Blog hingegen „nur“ die Inhalte einer einzigen Person. Der Umfang einer ausformulierten Rezension ist häufig zu wuchtig für die schnelllebigen Social Media-Kanäle – „knackig und auf den Punkt gebracht“, ist die Devise.

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Fazit

Abertausende Buchblogger:innen beweisen weltweit täglich auf Bookstagram: Viele junge Menschen lassen sich noch immer für Literatur begeistern. Zudem kann Lesen kann sehr wohl eine kommunikative Leidenschaft sein. Auch wenn diese Nische nicht frei von Druck durch Algorithmen ist – und doch gibt es insgesamt ein Fundament, das sie alle eint: die Freude an Geschichten.

Bookstagram zeigt, dass junge Menschen sich auch heute noch für Literatur begeistern. Das gemeinsame Fundament: Die Freude an Geschichten.


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Quellen:
– Carlsen Verlag (17.10.2020): Das Carlsen-Messe-Webinar. How to Bookstagram. https://www.youtube.com/watch?v=0_wM94V3YZU (abgerufen am 4.2.2021).
– NetGalley (April 2019): Das kleine Buchblogger*innen-Wörterbuch. http://blog.netgalley.de/buchbloggerinnen-woerterbuch/ (abgerufen am 2.2.2021).
– Merschmann, Ivonne (3.2.2019): Das Problem beim Bookstagram Hype. https://seitenglueck.wordpress.com/2019/02/03/allgemeines-das-problem-mit-dem-hype/ (abgerufen am 4.2.2021).
– Weber, Anna über das Journalistische Seminar Mainz (25.3.2020): Was ist Bookstagram? https://www.youtube.com/watch?v=e8C5_XGVdGY (abgerufen am 1.2.2021). 
– Reich, Lena (11.12.2020): #Bookstagram: Literatur-Influencer bei Instagram. https://www.arte.tv/de/videos/101316-000-A/bookstagram-literatur-influencer-bei-instagram/ (abgerufen am 1.2.2021). 
– Interview mit Lisa Menzel am 2. Februar, Uhrzeit: 12:00-16:00 Uhr.
– Interview mit Annika Schwarzinger am 3. Februar, Uhrzeit: 10:00-11:00 Uhr.
– Interview mit Theresa Haubs am 3. Februar, Uhrzeit: 14:00-14:45 Uhr.
– Interview mit Josi Wismar am 3. Februar, Uhrzeit: 16:00-17:10 Uhr.
– Interview mit Melanie Strohmaier am 4. Februar, Uhrzeit: 16:00-17:00 Uhr.

Über den Autor

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.