Die Premier League hat Corona

Wie sich die Schwächen der Riesen auf den englischen Meisterschaftskampf auswirken

2020 ist anders als andere Jahre es sind. Statt Geld regiert plötzlich eine Pandemie die Welt. Corona wirkt sich nicht nur auf die Gesundheit und das soziale Leben aller aus, sondern auch auf den Profisport. Es gibt aber auch andere Gründe, weshalb wir in der englischen Premier League zum ersten Mal seit langem wieder etwas anderes als Manchester City und Liverpool unter den hohen Adeligen sehen könnten.

1.282 Tage ist es her, da reckte die Meistermannschaft des FC Chelsea die lang ersehnte Premier-League-Trophäe in den Londoner Himmel. Es war zugleich der Startschuss einer lang anhaltenden Dominanz zweier Vereine aus dem Nordwesten: Zunächst war es Manchester City, das die Liga nach Belieben dominierte, später leistete der FC Liverpool Gesellschaft. Mit Rekordausbeuten und teils unfassbaren Serien ließen beide Mannschaften der Konkurrenz keine Chance. 2019 war es Chelsea, das mit ganzen 25 Punkten Rückstand den beiden Großen am nächsten kam, dieses Jahr war es Manchester United mit immerhin 15 Punkten.

Man könnte fast von einer kleinen Dynastie im englischen Fußball sprechen, die sich in den vergangenen Jahren ereignet hat. Nun – in einem Jahr, in dem ohnehin nichts der Norm entsprechen zu scheint – dröselt sich die Situation an der Tabellenspitze etwas auf. Zumindest lässt der Saisonbeginn eine Tendenz erkennen.

Liverpool plötzlich wieder verwundbar in der Premier League

Fans des FC Liverpool sind vergangene Saison Zeugen einer historischen Meisterschaft geworden. Nicht nur die Tatsache, dass man den ersten Premier-League-Titel seit 30 Jahren feiern konnte, versetzte die Arbeiterstadt in Ekstase. Gerade die Art und Weise machte auch neutralen Beobachtern große Augen. 18 Siege in Serie konnten die Reds feiern, ganze 44 Spiele war man saisonübergreifend ungeschlagen in der Liga – Rekord.

Mohamed Salah ist einer der wichtigsten Spieler bei den Reds.

Doch das Narrativ des unschlagbaren Liverpools verliert allmählich an Aussagekraft, gerade in der neuen Saison zeigt man sich verwundbar. In den Heimspielen gegen Leeds, West Ham und Sheffield United – allesamt keine Top-Teams – musste man bis zum Ende zittern und gewann nur knapp. Die Spieler wirkten müde, satt. Auch im Kopf wirkt die Mannschaft hier und da nicht auf Höhe. Trainer Jürgen Klopp verlangt von seinen Spielern sehr viel ab, mental wie physisch. Der Spielstil ist sehr laufintensiv und die erfolgreichen, aber sehr langen und kräftezehrenden vergangenen beiden Spielzeiten scheinen ihre Nachwirkungen zu zeigen.

Viele Verletzungen beim Premier-League-Sieger

Hinzu kommen Verletzungen. Abwehrchef Virgil van Dijk zog sich im Merseyside-Derby gegen Everton einen Kreuzbandriss zu, wird lange Zeit ausfallen. Hinzu kamen mit Joe Gomez, Trent-Alexander Arnold und Jordan Henderson weitere wichtige Stützen, die in den kommenden Wochen passen müssen. Andrew Robertson ist momentan der einzige etatmäßige Stammspieler in der Viererkette hinten.

Ein weiterer Grund für den stotternden Motor ist das nicht mehr in großem Maße vorhandene Spielglück. Was zunächst ein wenig an den Haaren herbeigezogen klingt, gibt Aufschluss, wenn man einen genaueren Blick auf die vergangene Saison wirft. Hier hat Liverpool oftmals von unklugen Aktionen des Gegners oder Schiedsrichterentscheidungen profitiert, nicht selten in der Schlussphase des Spiels. Diese oftmals entscheidenden, aber nicht beeinflussbaren Nuancen haben die Reds nicht mehr in der Häufigkeit auf ihrer Seite.

Skyblues und die verlorene Magie

Auch der blaue Nachbar aus Manchester schwächelt gewaltig. Von den ersten acht Spielen konnten lediglich drei gewonnen werden – in City-Kreisen ein gewaltiger Fehlstart. Dabei wurden unter anderem Punkte bei Aufsteiger Leeds und West Ham United liegengelassen, gegen Leicester City kam man mit 2:5 unter die Räder. Der Nimbus des dominanten und schier unbesiegbaren Manchester Citys existiert nur noch in einer abgespeckten Form.

Hierfür eine Erklärung zu finden, ist schwer. Vergangene Spielzeit waren die fehlende Effizienz vor dem gegnerischen Tor und die fehlende Qualität in der Innenverteidigung Thema. Für die aktuellen Formschwankungen muss man jedoch andere Gründe suchen. Über die Effizienz im eigenen Abschluss gibt die Expected-Goals-Statistik Aufschluss. Hier liegt City bei rund elf erwarteten Toren (fbref.com), also einem mehr als sie bislang erzielten. Das ist ein marginaler Unterschied und somit nicht ausschlaggebend. In der Innenverteidigung ist Abwehrchef Aymeric Laporte unlängst zurück, an Qualität mangelt es hier eigentlich nicht. Zumindest nicht insofern, als dass man damit Punktverluste gegen deutlich schwächere Teams legitimieren könnte.

Bei einem Vorbereitungsspiel instruiert Pep Guardiola (Mitte, weißes Hemd) seinen Kapitän Fernandinho.

Es mangelt an Leadern in der Mannschaft

Was ein Grund für den etwas verlorengegangenen Glanz sein könnte, ist das Fehlen von Führungsspielern. Talent und Qualität sind im Kader ohne jeden Zweifel reichlich vorhanden, an Leadern, die der Mannschaft während des Spiels einen mentalen Impuls geben können, mangelt es jedoch. Kapitän Fernandinho und Aymeric Laporte sind mit die einzigen Lauten auf dem Platz, die ihr Team auch in schwierigen Spielphasen nach vorne treiben können. Sergio Aguero, ein weiterer Führungsspieler, fehlt zurzeit verletzungsbedingt. Grundsätzlich hat man das Gefühl, dass durch die Abgänge von Yaya Toure (2018, momentan vereinslos) und Vincent Kompany (2019, hat inzwischen seine Karriere beendet) ein Vakuum in der Spitze der Mannschaftshierarchie entstanden ist, das bis heute Bestand hat.

Welches Premier-League-Team ist der Nutznießer?

Klammert man Liverpool und Manchester City aus, kommen einem in erster Linie die anderen „Big Six“-Klubs in den Sinn – namentlich Manchester United, Chelsea, Arsenal und Tottenham Hotspur. Gerade letztere scheinen momentan Chancen zu haben, ein Wörtchen um den Premier-League-Titel mitzureden. Unter Trainer José Mourinho wirken die Spurs konstanter. Geleitet von einem eher pragmatischen Ansatz, sieht das zwar selten spektakulär aus, dafür macht man die einfachen Dinge wirklich gut. Hinten steht man stabil, in der Offensive hat man Weltklasse-Qualitäten und weiß diese auch effektiv einzusetzen. Heung-min Son und Harry Kane sind momentan das vielleicht beste Offensiv-Duo im Weltfußball, harmonieren perfekt und strahlen jederzeit Gefahr aus.

Ein großer Vorteil für die Mannen Mourinhos könnte zudem sein, dass Liverpool und Manchester City beide in der Champions League hohe Ansprüche haben, was automatisch eine höhere Belastung für die Spieler bedeutet – physisch wie mental. Die Spurs hingegen können in der Europa League rotieren und schaffen sich so Kraftreserven für das Liga-Programm.

Möglicherweise kann auch der FC Chelsea wieder ganz oben mitspielen. Zuletzt zeigte man sich in guter Verfassung. Das im Sommer neu zusammengestellte Offensivkonstrukt wirkt von Spiel zu Spiel gefestigter, die Abläufe werden besser. Dennoch bleibt ein Fragezeichen nach der Konstanz. Vergangene Spielzeit scheiterte man häufig an sich selbst, gerade durch individuelle Fehler in der Abwehr. Die ersten Spiele der laufenden Premier-League-Saison ließen wenig Annahme zur Besserung walten. So spielte man gegen West Brom und Southampton 3:3 – beides individuell klar unterlegene Gegner aus dem unteren Teilnehmerfeld der Tabelle. Es könnte einmal mehr darauf hinauslaufen, dass sich die Blues selbst zu viel zu Schulden kommen lassen.

Manchester United auf Identitätssuche, Arsenal fehlt die Reife

Manchester United fehlt es an Konstanz und Beständigkeit im System, um wieder ganz oben mitspielen zu können. Trainer Ole Gunnar Solskjaer hat es binnen zwei Jahren nicht geschafft, eine Spielidee zu entwickeln, die nachhaltigen Erfolg verspricht. Auch ist es ihm noch nicht gelungen, das vorhandene Spielermaterial optimal einzubinden. Das hat zur Folge, dass die Red Devils nach wie vor ein wenig auf der Suche nach sich selbst sind. Zu häufig patzt man, zu häufig wechseln sich Sonnen- und Regentage ab. Überdies war das Vereinsumfeld schon immer ein sehr unruhiges. Zu viele Nebenschauplätze wirken sich auch auf den sportlichen Erfolg negativ aus.

Beim FC Arsenal ist man unter Trainer Mikel Arteta auf einem guten Weg. Allerdings befindet man sich in einem Umbruch und einer Entwicklungsphase, die auch hier und da Rückschläge nach sich zieht. Vieles deutet in eine gute Richtung hin, ist bei weitem jedoch nicht ausgereift genug, um ein ernsthafter Titelkandidat zu sein.

Schafft Leicester ein zweites Mal 2016?

Bleibt zu guter Letzt noch Leicester City, die, ähnlich wie letzte Saison, einen Traumstart hinlegten. Hier könnte jedoch die Abhängigkeit von Stürmer Jamie Vardy einmal mehr zum Problem werden. Zudem ist es wahrscheinlich, dass die Mannschaft von Trainer Brendan Rodgers im Laufe der Saison einknicken wird, ähnlich, wie es vergangene Spielzeit der Fall war. Die Champions-League-Plätze sind auch diesmal realistisch, für die Meisterschaft wird es jedoch nicht reichen.

Letztendlich wird die Meisterschaft wahrscheinlich einmal mehr nur über Manchester City und Liverpool entschieden. Das Schwächeln der beiden Großen aus dem Nordwesten und die extrem kräftezehrende Saison könnten allerdings dafür sorgen, dass wir bis zum Ende hin einen Dreikampf, vielleicht sogar einen Vierkampf um die englische Meisterschaft erleben werden. An potenziellen Aspiranten mangelt es jedenfalls nicht.

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Bildnachweise

Bild von Kelvin Stuttard auf Pixabay; Pixabay License, freie kommerzielle Nutzung, kein Bildnachweis nötig

„File:Mohamed Salah 2017.jpg“ by Дмитрий Голубович is licensed under CC BY-SA 3.0

„Fernandinho gets an earful from Pep Guardiola“ by five til noon is licensed under CC BY 2.0

„10639524-053“ by rscanderlecht is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

„19 Merci Arsène – Celebrating Iwobi’s goal“ by Ronnie Macdonald is licensed under CC BY 2.0

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Über den Autor

Michael Bojkov

Seit Kindesalter in Südbaden am Bodensee beheimatet. Treibt Sport und schreibt gerne. Hat sich als kleiner Junge in den Fußball verliebt, der seit jeher die Prioritäten des Alltags bestimmt.