Im Flugzeug der Regierung

Deutsche berichten wie sie mit der Regierung nach Hause kommen

Katharina Walther und Isabella Stubbe finden ihre vermutlich aufregendste Reise in Neuseeland. Der geplante Auslandsaufenthalt nimmt eine nicht vorhersehbare Wendung. Die zwei Hamburgerinnen erzählen von ihrer Angst nicht mehr nach Hause zu kommen und wie es war im Flugzeug der Regierung zu sitzen.

Nach dreizehn Jahren Schule das erhoffte Abitur geschafft. Endlich selber bestimmen wo es hin gehen soll. Die perfekte Gelegenheit um mehr von der Welt zu sehen und sich auf die eigene persönliche Reise zu begeben.

Einmal bis ans andere Ende der Welt

Am 9. Juli 2019 stieg Katharina am Hamburger Flughafen ins Flugzeug.

 „Als erstes bin ich raus aus dem riesigen Auckland und nach Wanganui geflogen. Die Kleinstadt liegt an der südwestlichen Küste. Dort habe ich mit Lea Englisch, die ich bereits im Flugzeug kennen lernte ein Auto gekauft. Um damit die Nordinsel zu erkunden. Zwischendurch arbeiteten wir als Woofer*. In Masterton waren wir zum Beispiel für eine Woche AuPair-Mädchen.“

*Freiwillige Arbeiter in Gastfamilien für einen bestimmten Zeitraum.

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Karte von Neuseeland

 Am 24. September 2019 ging die Reise mit Hilfe der Fähre auf der Südinsel weiter. Mit dem gleichem Prinzip Arbeiten und Reisen die westliche Küste entlang. „Im Süden angekommen sind wir auf einer Schafsfarm für acht Tage in Winton gelandet. Diese Erfahrung fand ich am coolsten. Von dort aus fuhren wir langsam wieder Richtung Norden.“ Leas und Katharinas Wege trennten sich dann schon bald. Lea flog zurück nach Deutschland. Katharina machte sich wieder zurück ins neu gewonnene, zweite Zuhause Wanganui.

In diesem Zeitraum ist dann auch Isabella Stubbe los. Abflug war der 29. Januar 2020 von Hamburg. Sie schreibt als ersten Tagebucheintrag: „nach vielen traurigen Verabschiedungen und einem anstrengenden Flug, kam ich morgens am 31. Januar an.“ Der Anfang sei ihr schwer gefallen. Sie ist ein Familienmensch.

Die schönsten Orte

 Nach einer Woche in Auckland begab sich Isabella auf dem Weg in den Norden, nach Paihia. „Von dort aus startete der Ausflug zum Cape Rainga.“ Das ist der nördlichste Punkt von Neuseeland. „Am 11. Februar machte ich dort auch meinen Skydive (Fallschirmsprung). Dieser 45 sekündige, freie Fall beschreibt Isabella in ihrem Reisetagebuch so: „Unvergesslich ein Sprung in die Freiheit, ein Abschiedssprung von der Vergangenheit in die Zukunft“. Rückblickend sei Paihia ihr Lieblingsort gewesen. Dort habe sie gelernt die Zeit zu genießen, loszulassen und nur mal an sich selbst zu denken.

Isabella Stubbe und Katharina Walther

Isabella entschied sie sich zum Hot Water Beach zu fahren. Dieser Strandabschnitt an der Küste des Pazifiks ist sehr beliebt, da Thermalwasser nur knapp unter dem Sand vor gegraben werden kann. Somit entsteht ein eigener Pool. Auch Katharina und Lea hatten sich dieses Naturphänomen nicht entgehen lassen.

Außerdem machte Isabella Abstecher im Hobbiton (Original Filmset der Filmreihe der Hobbit), im Tamaki Maori Village und in Waitomo um Glühwürmchen in einer Höhle zu beobachten. Isabella entschied sich danach auch nach Wanganui zu gehen.

Im College House 42b in Wanganui trafen sich Katharina und Isabella. Beide arbeiteten sechs Tage die Woche für Unterkunft und Verpflegung. Die vielen Bettenwechsel beim Reisen ließen Isabella ein bisschen wie Zuhause ankommen lassen. „Dadurch dass das Bett und die Gesichter immer gleich geblieben sind, konnte man sich an einen Ort sehr gut gewöhnen. Die Atmosphäre war sehr familiär.“ Letztendlich ist sie etwa einen Monat dagewesen, so erzählt sie. Katharina war sogar um die drei Monate in der Kleinstadt geblieben weil es ihr so gut gefiel. Die Beiden erzählen: „wir aßen jeden Abend zusammen Abendbrot und hatten soviel Spaß, ob bei der Arbeit oder danach. Die Ausflüge an den Strand, die Spieleabende, das neugestalten von Räumen oder einfach nur die schönen Gespräche.“

Das Lagerfeuer am Strand von Wanganui

Überraschende Wendung

Am 16. März wurden die Mädchen erstmalig vom COVID-19 beeinflusst. Katharina hatte eine neue Freundin gefunden. Beide hatten geplant nach Australien zu fliegen und die Ostküste zu erkunden. Denn auch Katharinas letzter Monat des Auslandsaufenthalts stand bevor und ihr Rückflug sollte von Sydney gehen.

Isabella war bisher nur auf der Nordinsel und wollte unbedingt ihr Abenteuer auf der Südinsel fortfahren. Am 24. März sollte die Fähre mit Isabella ablegen, aber leider kahm es dazu nicht.

Ich wollte weiter Stück für Stück Reisen und Woofen. Macht das wirklich Sinn? Was ist wenn in Neuseeland auch alles stillgelegt wird?

Isabella Stubbe

„18. März 2020 die Lage spitzt sich immer weiter zu. In Deutschland wurden bereits viele Grenzen geschlossen. Auch hier gehen die Einschränkungen los. Die erste Reisebuslinie fährt nicht mehr.“ – Isabellas Tagebucheintrag

Angst um die Zukunft

Leergefegte Regale im Supermarkt

„Katha will nun auch zurück und hatte sich spontan ein Flugticket für die Woche darauf gebucht. Ob dieser Flug wirklich das Ticket nach Hause ist, ist fragwürdig.“ –Isabellas Tagebucheintrag

Am 22. März entschloss sich auch Isabella zu versuchen nach Hause zu kommen. Nur wann stellte sich die Frage. Die Flugpreise stiegen in die Höhe. Neuseeland und Australien hatten in dieser Nacht den Lockdown verkündet. Somit war klar, die Heimreise der beiden Mädchen würde nicht einfach werden.

Die Familien machten auf die Elefand Liste der Deutschen Botschaft aufmerksam. Das ist eine Krisenvorsorgeliste für Deutsche im Ausland. Die jeweiligen Eltern trugen sie dort ein. Auch Isabella, die sich noch nicht entscheiden wollte, hatte dann einen Rückflug gebucht.

In nicht weniger als 24 Stunden kam jedoch die Hiobsbotschaft. Die Fluglinie Fly Emirates, über die die Rückfluge statt finden sollten fliegt ab sofort nicht mehr. Das war das Urteil in Wanganui festzusitzen.

Ein Lichtblick

Der Außenminister Heiko Maß verkündete, dass es Rückholaktionen von Neuseeland geben würde. Nicht viel später erreichten Katharina und Isabella die Email. Es war die Bestätigung der Registrierung für das Rückholprogramm. Bald würden die Zwei im Flugzeug der Regierung sitzen. Die Empfehlung der Deutschen Botschaft war sich nach Auckland zu begeben.

Am 27. März flogen Katharina und Isabella mit der letzten Inlandsmaschine von Palmerston North nach Auckland. Der Abschied aus Wanganui sei trotzdem sehr schwer gefallen. Es war für eine gewisse Zeit ein zweites Zuhause geworden, erzählt Katharina.

Ich bin vor lauter Verzweiflung und Trauer nach Hause zu müssen einige Male in Tränen ausgebrochen.

Isabella Stubbe
Das leere Flugzeug

Wieder zurück am Anfang

Dort wo alles anfing. Niemand hätte wohl gedacht wie abenteuerlustig diese Zeit wirklich werden würde. „In einem kleinen Hotelzimmer, ganz nah am Flughafen sind wir dann ein paar Tage geblieben. Ganze vier Nächte haben wir es in dem winzigen Zimmer ausgehalten. Am ersten April hatten wir uns mit drei anderen deutschen Mädchen zusammen getan. Wir fanden ein Airbnb. Unsere Hoffnung war groß, schnellstmöglich im Flugzeug zu sitzen.“ So schreibt Isabella in ihr Reisetagebuch.

Die Neuseeländische Regierung spielte jedoch nicht wirklich mit. Die organisierten Flugzeuge der Regierung mussten für ein paar Tage gestoppt werden. Das ließ die Wohngemeinschaft ein wenig skeptisch werden.

Dennoch erzählen Katharina und Isabella wie sehr sie die „Mädchen WG“ genossen haben. „Wir haben uns alle super miteinander verstanden und waren für einander da. Jeder neue Tag war ein wenig wie Achterbahn fahren, nie wusste man was als nächstes kommt.“ Doch dann wurden die Flüge wieder erlaubt, nun hieß es abwarten und hoffen.

Die langersehnte Botschaft

Am dritten April guckte Katharina in ihr Emailfach. „As part of the German goverment’s repatriation programme, you are scheduled to depart on Flight NZ1960 on Saturday…”

“Natürlich hatte ich mich gefreut, aber wir saßen zusammen auf dem Sofa und wir wussten nicht ob ich alleine von uns fünf fliegen würde. Ich hatte mir gewünscht, dass die anderen auch die Nachricht bekommen. Dann bekam auch Isa die Nachricht. Sie saß ganz ruhig neben mir und sagte sie fliegt auch. Total erleichtert waren wir, als wir wenigstens schon mal zu zweit fliegen würden.“

Wenig später hatte auch eine dritte der Mädchen das Ticket für ein Flugzeug der Regierung bekommen. Die anderen beiden flogen etwa eine Woche später.

Nun hieß es Backpack packen. Katharina war trotzdem ein wenig skeptisch. „Das Gefühl war dennoch irgendwie beängstigend. Wir wussten nicht wie es ablaufen wird und Corona gab es trotzdem“

Den Abend vor Abflug hatten wir lange genossen, sodass wir nur fünf Stunden schliefen. Um halb zwölf stand das Taxi vor der Tür. Der Abschied war nicht ganz so einfach. Ein schlechtes Gewissen lag irgendwie im Hals.

Katharina Walter

Im Flugzeug der Regierung nach Hause fliegen

Am Flughafen angekommen, gab es eine lange Warteschlange. „An der Spitze der Reihe angekommen, mussten wir nur unsere Reisepässe vorzeigen. Dann ging es zum Check-in, Tasche abgeben und darauf warten bis wir unsere Plätze im Flugzeug einnehmen konnten.“

Die Warteschlange der deutschen Backpacker

„Es war schon komisch das Flugzeug der Regierung dann endlich zu betreten, zu wissen dass jetzt alles vorbei ist. Mein großer Traum ist nicht so in Erfüllung gegangen wie ich es mir erhofft hatte.“ Isabella war unzufrieden, schließlich war sie somit nur ungefähr zwei Monate in Neuseeland.

Von Auckland ging es nach Vancouver, der Zwischenstopp des Fluges berichtet Katharina. „Es war sehr anstrengend, da wir auch das Flugzeug nicht verlassen durften. Es hatte sich aber gelohnt. Somit sind wir einmal um die ganze Welt geflogen.“

Um genau sechs Uhr am Morgen sind wir in Frankfurt am Main gelandet, so auch die Sorgen und Ängste.

Isabella Stubbe
Über den Rocky Montains im Flugzeug der Regierung

Neuseeland verabschiedete sich von allen Deutschen, die mit dem Rückholprogramm das Land verließen: https://de-de.facebook.com/SkyTowerAKL/photos/a.169423316454343/3061894520540527/?type=3&theater

Danke an die deutsche Regierung

Rückblickend – Isabella Stubbe und Katharina Walther bestätigen, dass ihr Abenteuer mehr als abenteuerlustig war. Der Zusammenhalt in Wanganui und in der „Mädchen WG“ hatte aber oft die Traurigkeit in Vergessenheit geraten lassen. „Alle waren sehr herzlich und bereit in dieser ungewissen Zeit zu helfen.“ Dafür sind Katharina und Isabella besonders dankbar. Die Erinnerungen an die schöne Zeit, lassen die Mädchen mit den Gedanken spielen noch einmal Australien und Neuseeland nach Corona-Zeiten zu besuchen. Hoffentlich gibt es dann keinen anderen Grund, um die Hilfe vom Auswärtigem Amt Deutschlands zu genießen.

07.12.2020 Flugzeug der Regierung – Platz 31

18.12.2020 Flugzeug der Regierung – Platz nicht angeben, zu hoch

Über den Autor

Miriam Ida John

Miriam Ida John ist Ressortjournalismus Studentin an der Hochschule in Ansbach.
Sie ist sie offen für alle Themen, neugierig jede Geschichte zu hören, bereit Debatten zu führen und sich zu lösen von der Angst vor Neuem. Musik, Autos, Religion, junge Geschichte sind nur wenige ihrer Interessen.