Die Opfer der Industriestaaten

Wie Taifun „Vamco“ die Philippinen erschüttert – und sie zum Opfer der Industriestaaten macht

Taifun „Vamco“ erreicht die Philippinen. Er ist nicht der erste seiner Art, weder in diesem Jahr noch in diesem Monat. 21 Tropenstürme erreichten die Philippinen seit Januar, „Vamco“ ist der fünfte im November. Trotzdem zeigt er sich in einer Stärke, die es seit Jahrzehnten nicht gegeben hat und macht den Inselstaat so zum erneuten Opfer der Industriestaaten. Mit bislang 62 Todesopfern und 12 Vermissten lässt er sich als der tödlichste Taifun seit langem bezeichnen. Die Rolle der Industriestaaten ist dabei unumstritten

Tragische Normalität beim Opfer der Industriestaaten

Ein Tropensturm, der die Menschen auf den Philippinen mal wieder in die Verzweiflung stürzt, mal wieder Wohnhäuser zerstört, mal wieder Menschenleben kostet. Doch unerwartet konnte diese Katastrophe nicht gekommen sein. „Valcom“ war erwartbar und kostete trotzdem unzählige Menschenleben. Man konnte ahnen, dass er härter sein würde. Man wusste, er wird kommen.
Längst zur tragischen Normalität geworden, trifft er diesmal die Hauptstadtregion Manila. Dort wütet er zwei Tage, bevor er die Menschen in ihrem Elend zurücklässt.

Immer auf die Ärmsten, immer auf die Opfer

Längst kein Novum mehr, lässt sich trotzdem erwähnen, dass es einmal mehr die Ärmsten dieser Welt trifft: Ein Land, dessen BIP 14-mal kleiner ist als das Deutsche, ein Land, in dem Unterernährung ein verbreitetes Problem ist und ein Land, das mitten im pazifischen Ozean liegt und in dem die Menschen mit Vulkanausbrüchen, Erdbeben und in Europa längst ausgelöschten Krankheiten leben. Genau ein solches Land ist wieder einmal betroffen.

Europäische Sicherheit und die Rolle der Industriestaaten

Ein Taifun zieht über Deutschland, Belgien oder Frankreich und verwüstet die Städte. Viele Menschen kommen ums Leben, die Infrastruktur bricht zusammen und Hilfsgüter kommen nur schleppend an – die Mitleidsbekundungen aus aller Welt sind nett gemeint, helfen aber nicht wirklich.

Ein solches Szenario ist heute inmitten des entwickelten Europas undenkbar. Aber was zählt ist doch, dass es eben genauso gerade überall sonst auf der Welt passiert. Staaten wie die Philippinen leiden sehr konkret unter den Folgen des Klimawandels, der maßgeblich durch Industriestaaten wie Deutschland, Belgien oder Frankreich vorangetrieben wird. Es ist schließlich kein Zufall, dass die Tropenstürme immer stärker und die Zahlen der Todesopfer immer höher werden.
All das passiert übrigens unabhängig von der Prognose, dass auch Europa nicht mehr allzu lang von Umweltkatastrophen dieser Dimension verschont werden wird.

Das Problem mit der Verantwortung der Industriestaaten

Bekannt ist, dass der globale Norden einen großen Teil der Klimakrise zu verantworten hat. Schaut man sich die Zahlen dazu genauer an, wirkt die Lage noch prekärer als man sie in den Tagesthemen oder im heute-Interview vermittelt bekommt.
Siehe auch: https://germanwatch.org/de/ksi

Laut dem Europäischen Parlament ist die Europäische Union der drittgrößte Treibhausgasemittent der Welt hinter China und den USA. 2017 machte Deutschland mit 900.000 Kilotonnen CO2 knapp ein Viertel der gesamten EU-Ausstoßmenge aus.

Durch die Erderwärmung kommt es zum Rückgang von Permafrost und Eisberge schmelzen, Flüsse treten über das Ufer und trockene Wälder gehen in Flammen auf. All das ist bekannt und trotzdem herrscht eine Art Klimaignoranz.

Überschwemmungen von Küstengebieten und ganzen Landstrichen, die Gefährdung der Biodiversität und die Zerstörung von Ökosystemen sind die großen Probleme. Und eben diese Auswirkungen spüren ärmere Länder deutlich stärker.
Gesundheitssysteme, die schnell überfordert sind, weil es keine Fachkräfte gibt, eine brüchige Infrastruktur, weil das Geld fehlt oder schlicht und einfach Umwelteinflüsse sind Gründe für eine höhere Gefährdung.

Überflutungen und Erdrutsche wie auf den Philippinen kann es hier nur in geringer Ausprägung geben. Erdbeben gibt es nahezu nie, weil die geografische Lage in Europa anders ist. So bleiben auch Tsunamis aus. Krankheiten können durch Impfstoffe und ein Netz an ärztlicher Versorgung und Gesundheitsämtern leicht eingedämmt oder sogar komplett ausgelöscht werden.
Auf europäischem Boden gibt es kaum Gefahren von außen, die einem ernsthafte Sorgen bereiten müssten. Von einer Pandemie, wie wir sie gerade erleben, sehe ich hier einmal ab, weil sie einen wirklichen Ausnahmezustand darstellt. Und trotzdem macht sie in aller Härte klar, was es bedeutet, ein Virus nicht im Griff zu haben. Auch ein industriell fortschrittliches Europa kann nicht alle Kämpfe gegen die Erde gewinnen.

Zuletzt sind auch Kriegszustände und wirtschaftliche Faktoren dafür verantwortlich, dass Entwicklungen in Ländern des globalen Südens und Asiens verhindert werden.

Pariser Abkommen als Menschheitskompromiss

Bei allem stellt uns der Klimawandel vor die existenziellste Krise, die es wohl jemals gegeben hat.

Um sich dem entgegenzustellen, haben sich 2015 197 Staaten der Erde zusammengeschlossen und ein Papier formuliert, das das Ziel hat, die Erderwärmung unter 2 Grad zu halten. Mit größter Anstrengung soll versucht werden, die Erwärmung sogar auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Aus heutiger Sicht stehen die Chancen dafür eher schlecht. Und trotzdem müssen Aktionen folgen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen.

Was bleibt dem Opfer der Industriestaaten?

Was am Ende bleibt, ist die Hoffnung derer, die sich Tag für Tag für eine klimagerechtere Welt einsetzen. Die Menschen, die ihre Ernährung umstellen, die auf die Straßen gehen, um zu demonstrieren, die Wälder besetzen, um Rodungen zu verhindern – auch die, die einen Instagram-Post liken oder teilen – all diejenigen sind die, die Hoffnung haben und sie in die Gesellschaft tragen. Ohne Aktivistinnen und Aktivisten aller Generationen bleibt uns diese Erde nicht erhalten. Die Katastrophen werden stärker, die Temperatur steigt, das Eis schmilzt. All das lässt sich noch aufhalten.
Eine Politik, die die Ausmaße bislang nahezu ignoriert und nur mit Floskeln prahlt, kann von Menschen auf der Straße aufgeweckt werden, um endlich zu handeln. Wer jetzt nicht handelt, zahl später. Wer sofort handelt, kann diese Erde für zukünftige Generationen erhalten und Leben retten.


Textnachweis

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-11/rotes-kreuz-studie-naturkatastrophen-klimawandel-extremwetter

https://www.tagesschau.de/ausland/taifun-vamco-101.html

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1252/umfrage/entwicklung-des-bruttoinlandsprodukts-je-einwohner-seit-1991/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/322808/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-pro-kopf-auf-den-philippinen/#professional

https://www.bmz.de/de/laender_regionen/asien/philippinen/index.jsp#section-31755921

https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/priorities/klimawandel/20180301STO98928/treibhausgasemissionen-nach-landern-und-sektoren-infografik

https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20180703STO07123/klimawandel-in-europa-zahlen-und-fakten

https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20180905STO11945/die-auswirkungen-des-klimawandels-in-europa-infografik

https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Artikel/Industrie/klimaschutz-abkommen-von-paris.html#:~:text=Bei%20der%20UN%20%2DKlimakonferenz%20in,globalen%20Treibhausgase%20emittieren%2C%20ratifiziert%20wurde.

07.12.2020 – Opfer der Industriestaaten – nicht aufgeführt
21.12.2020 – Opfer der Industriestaaten – Platz 1

Über den Autor

Paul Wiese

Paul Wiese studiert Ressourtjournalismus an der Hochschule Ansbach. Er hat grundlegende Erfahrungen in Zeitungsredaktionen und veröffentlicht eigene Texte.