Existiert das Jungfernhäutchen wirklich?

– Ein Mythos –

Blutfleck, Foto von Lisa Buchberger

Es ziept und blutet manchmal kurz, wenn es reißt. Mal passiert es beim Sport, bei der Benutzung von Tampons oder spätestens beim ersten penetrativen Geschlechtsverkehr. Das ist das Bild, was die meisten Menschen vom weit verbreiteten Begriff „Jungfernhäutchen“ haben.„[Die Haut] reißt die ein und danach hat man [sie] eben nicht mehr. Und dann sieht man: ist die Frau eine Jungfrau oder eben nicht mehr“, erklärt ein Mann in einer Befragung vom puls-Podcast „Im Namen der Hose“. Aber existiert dieses „Jungfernhäutchen“ auch wirklich, oder was steckt dahinter?

Haut als Zeichen für Jungfräulichkeit

Die Entdeckung dieses Häutchens war im 16. Jahrhundert durch einen italienischen Wissenschaftler. In vielen Religionen ist noch heute der Status der Jungfräulichkeit sehr wichtig. Ist das Bettlaken nach dem Geschlechtsakt in der Hochzeitsnacht nicht blutig, kann das für Frauen problematisch werden. Denn dann war man nicht keusch und gilt als Schande für die Familie.

Einige Chirurgen versprechen sogar, das Häutchen in einem kurzen Eingriff zu „rekonstruieren“. Damit wollen sie „die Jungfräulichkeit wiederherstellen“. Ja, genau so etwas liest man auf den Websites von Ärzten, die eigentlich über das richtige Wissen verfügen sollten. Teilweise werden sogar Kunstblutkapseln in das hintere Scheidengewölbe eingenäht, um die Jungfräulichkeit zu „beweisen“.

Zu diesen einschneidenden Erlebnissen gab es sogar eine niederländische Studie: von 19 Frauen, die einen operativen Eingriff hatten, erlebten nur zwei eine Blutung beim Sex.

Keine Häutchen, keine Membran

Das Jungfernhäutchen heißt korrekt eigentlich Hymen. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet nicht nur „Haut“, sondern bezieht sich auch auf Gott der Ehe, Hymenaios (passend zur oben genannten „Tradition“). Dieses Hymen ist aber keine Haut, die den Scheideneingang verschließt. In der Entwicklung des Fötus ist dieser zwar noch verschlossen, bildet sich jedoch zur Geburt zurück.

Was dabei übrig bleibt, ist ein sehr elastischer Schleimhautkranz. Dieser ist in den meisten Fällen ringförmig, kann aber auch viele Löcher haben oder ganz anders aussehen. 

Wie das Jungfernhäutchen wirklich existiert: Illustrationen von verschiedenen Formen des Hymen
So können Hymen beispielsweise aussehen, Illustration von Lisa Buchberger

Klar, es gibt auch Anomalien und Fälle, in denen der Kranz keine Löcher hat. Das bezeichnet man in der Medizin als „Hymenalatresie“ Spätestens bei der ersten Menstruation merken die betroffenen Menschen, dass etwas nicht stimmt, weil sich das Blut staut, was zu starken Beschwerden führen kann. In diesem Fall muss operiert werden.

Selbst Anatomiebücher, wie „Der Mensch – Anatomie und Physiologie“ (5. Auflage 2011) von J. Schwegler und R. Lucius, lehren weiterhin falsches Wissen. Dort heißt es „beim erstmaligen Geschlechtsverkehr reißt das Jungfernhäutchen in den meisten Fällen, verbunden mit einer schmerzhaften leichten Blutung, ein.“ Das Problem an der ganzen Sache: das Blut kommt in den seltensten Fällen von einem gerissenen Hymen. Denn dieses ist sehr robust und nur schwer zu zerstören.

Was blutet dann stattdessen?

Die Schmerzen beim ersten penetrativen Sex können vor allem durch zu viel Nachdenken und Anspannung kommen. Es ist schließlich eine neue, aufregende Erfahrung, die man macht. Auch die Annahme, zu „eng“ zu sein stimmt so nicht.

Die Feuchtigkeit der Schleimhaut und eventuelles Verkrampfen durch die ungewohnte Situation machen den Unterschied, ob es zu Schmerzen kommt, oder nicht. Einige Frauen leiden auch unter Vaginismus: dabei kommt es zu reflexartigen Verkrampfungen der Scheidenmuskulatur und gestaltet das Eindringen als schwierig bis unmöglich.

Das heißt, es ist gar nicht das Hymen, das Schmerzen bereitet. Durch die hohe Elastizität ist es eher unwahrscheinlich, dass es reißt. Falls es zum Bluten kommt, liegt das meist an unvorsichtigem und überstürztem Sex. Was passieren kann:

  • Verletzung der Schleimhaut aufgrund von zu wenig Feuchtigkeit und keiner Verwendung von Gleitmitteln
  • Verletzung des Gewebes am Scheidenrand durch zu heftige Penetration

Frauen wieder als Objekt

Wir halten fest: es ist kein Häutchen, sondern ein vaginaler Schleimhautkranz. Außerdem kann man anhand des Hymens nicht feststellen, ob eine Frau schon penetrativen Geschlechtsverkehr hatte oder nicht. Das Jungfernhäutchen existiert nicht so, wie es uns beigebracht wurde. Wie kann es dann sein, dass immer noch so wahnsinnig viel falsches Wissen verbreitet wird?

Es gibt kaum ein Organ am Körper, was so, so mit Moral belegt ist wie dieses […]

Nora Szász, Gynäkologin im Podcast „Eine Stunde Liebe“: Mythos Jungfräulichkeit – Jungfernhäutchen gibt’s gar nicht

Frauen werden immer weiter sexualisiert und auf ihre Geschlechtsmerkmale reduziert. Man könnte meinen, wir leben in den 1950er-Jahren. Heteronormative Degradierung zum Objekt, und das vom Feinsten. Wie kann man heute noch guten Gewissens das Wort „Entjungferung“ verwenden?

Foto von Ketut Subiyanto von Pexels

Wir haben keinen geringeren Wert, nachdem wir das erste Mal Sex hatten. Egal, welches Gender wir haben. Trotzdem bleibt dieses widerliche Wort weiter in unseren Köpfen. Woher nimmt sich der klassische Hetero-Cis-Mann denn das Recht darüber zu bestimmen?

Um es krass auszudrücken: als wäre es eine Trophäe, seinen Penis in das weibliche Geschlechtsorgan zu rammen um eine so nicht existente „Folie“ zu durchstechen. Am besten, man prahlt danach noch vor anderen Mackern. Das kann und darf so nicht weitergehen.

Wir sind Menschen und keine Bestätigung für andere. Und das wird sich nie ändern.

Wie lebe ich damit?

Was für mich, als (gender) queerer Mensch, wichtig zu sagen ist: Sex existiert nicht nur in Heterobeziehungen zwischen Frau und Mann. Eigentlich hätte ich das Wort „Frau“ im gesamten Artikel mit „Mensch mit Uterus“ austauschen müssen. Denn das Genderspektrum erstreckt sich so viel weiter.

Foto von Lukas Volk auf Flickr

Es gibt nicht nur Cis, sondern auch Trans*, viele identifizieren sich mit keinem Geschlecht und sind non-binär. Außerdem praktiziert nicht jeder Mensch penetrativen oder überhaupt Sex. Nicht jede Frau hat einen Uterus, nicht jeder Mann einen Penis.

Und ganz ehrlich? Ich habe mich bis vor ein paar Monaten noch nicht mit dem Thema beschäftigt, dass das Jungfernhäutchen existiert. Selbst ich, als Mensch mit viel Kenntnis über das Thema Sex, dachte immer, dass das Jungfernhäutchen so existiert, wie es mir eben beigebracht wurde. Als Teenager habe ich immer auf den Tag gewartet, an dem mir das Ding auch mal beim Sportunterricht in der Schule reißt. Aber, dass dieser Ansatz falsch ist, hätte ich nie gedacht.

Weg mit dem Mythos! Das „Jungfernhäutchen“ existiert nicht!

Dieses Jungfernhäutchen verursacht nur Leid. Es unterdrückt alle Menschen mit Uterus. Es macht sie klein.

Frauen sind keine Ware, die an Wert verlieren, sobald man die Verpackung aufmacht bzw. sie „entjungfert“ […]

Fiona Rohde in ihrem Artikel „Schluss mit den Mythen: Was ihr über das „Jungfernhäutchen“ wissen solltet

In Zeiten, in denen Sexisten wie dem ehemaligen Präsidenten der USA, Donald Trump, eine Bühne gegeben wird, verlieren wohl viele Menschen die Hoffnung auf Gleichberechtigung. Es bedarf vielen Neustrukturierungen in der Gesellschaft. Wir müssen weg vom patriarchalischen Konstrukt und der Denkweise, dass Frauen einen geringeren Wert haben. Wir sind kein Objekt zur Lust und zur Erregung irgendeine*s andere*n.

Foto von cottonbro von Pexels

Schon im jungen Alter sollten Kinder besser mit ihrem Körper vertraut gemacht werden, besser aufgeklärt werden. In den Sexualkundeunterrichten sollte ihnen schon klar gemacht werden, dass Körper kein Grund zur Scham sind. Dass man Menschen nicht anhand von Geschlechtsmerkmalen beurteilen darf.

Die „Entjungferung“ muss langsam aber sicher aus den Köpfen gelöscht werden, genauso wie das Konstrukt der Heteronormativität. Wir sollten alle mehr Rücksicht aufeinander nehmen und die Möglichkeit bekommen, Selbstliebe zu entwickeln. Derzeit ist das leider für viele noch immer schwierig.

Schlusswort

Stellen wir uns doch mal vor: das „Jungfernhäutchen“ existiert so, wie wir es gelernt haben. Gibt es uns das Recht, Menschen danach zu beurteilen? Hätten wir das Recht, anderen einen Stempel aufzudrücken? Macht ein Hautlappen einen Menschen zu etwas von weniger Wert? Ich denke, die Antwort ist klar.


Wie fühlt es sich nüchtern auf Raves an? – „Techno und Drogen – Zwischen Suff und Druff


Studienarbeit
Lisa Buchberger
00159722

Über den Autor

Lisa Buchberger

Nach dem ersten Augenkontakt mit mir schätzen mich die Meisten als einen distanzierten und kühlen Menschen ein, à la "mit dir werde ich wohl nicht befreundet sein" – aber falsch gedacht!
Meine Freunde schätzen mich für meine Offenheit, meinen Sinn für Empathie und meinen schlimmen Sinn für Humor.
(Auch wenn sie immer wieder vergessen, wie rechthaberisch ich sein kann, und wenn du das nicht glaubst: du bist im Unrecht!)
In meiner Freizeit tätowiere ich meine schlimmsten Zeichnungen auf Körper, die wohl besseres verdient hätten.
Ich mache semi-gute Musik, die meinen Ansprüchen nicht gerecht wird und bin gerne etwas zu selbstkritisch.
Wäre ich ein Brot, dann definitiv aus Sauerteig – ich würde gern mal länger gehen.