Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele

Warum Partien vor leeren Rängen die Bundesliga retten

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele

Fußball ohne Fans ist nichts. Das stand in gleichem oder ähnlichen Wortlaut in nahezu allen deutschen Stadien im Frühjahr diesen Jahres. Gespielt wurde trotzdem, aber vor leeren Rängen. Im Zuge des Neustarts entwickelten sich Geisterspiele zum Alltag der Bundesliga in Zeiten der Krise. Ein Alltag, von denen Fans fürchten, dass insbesondere die Erkenntnis, dass Fußball ohne Stadionbesucher eben doch funktioniert, diese Zeiten überdauern könnten. Aber eben auch ein Alltag, der für sämtliche Interessensgruppen in der Branche unerlässlich war. Denn es ging nicht um das Spiel, es ging nicht um die Fans. Es ging um das Überleben. Eine Analyse über die finanzielle Bedeutung der Geisterspiele.

Chronik: Von der Premiere zur Normalität

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele: Rheinderby
Das erste Geisterspiel in der Geschichte der Bundesliga fand im Borussia Park statt. (Bild 1)

54.302 Zuschauer verfolgten den Duell zwischen dem VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld am 9. März in der Mercedes-Benz-Arena. Es sollte für lange Zeit die letzte Partie im deutschen Profifußball bleiben, die vor gefüllten Rängen stattfindet. Nur zwei Tage später, am 11. März, blieben die Tribünen leer: Das Heimspiel von Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln geht als erstes Geisterspiel in die 57-jährigen Geschichte der Bundesliga ein.

Zahlen und Fakten

Statistik-Dossier: Corona und die Bundesliga (Statista): https://de.statista.com/download/MTYwMzcyOTk4MiMjMzA5ODg5OSMjNzIzMjYjIzEjI251bGwjI1N0dWR5

Die Infektionszahlen stiegen, die Einrichtungen schlossen, Ungewissheit herrschte rund um die Ausbreitung des Coronavirus. Die Deutsche Fußball-Liga entschied sich deshalb am 16. März dazu, den Spielbetrieb zu pausieren. In anderen europäischen Top-Ligen entschied man sich früher und anders: Beispielsweise brach die französische Ligue 1 die Saison 2019/20 vorzeitig ab. Auch in Deutschland wurde ein solcher Abbruch erwägt. Einerseits wäre aber die sportlich faire Bewertung jener Spielzeit nahezu unmöglich. Und andererseits wären auch die wirtschaftlichen Einbußen der Bundesligisten für viele Vereine untragbar gewesen. Also setzte die DFL die Saison im Mai unter strengen Auflagen und ohne Stadionbesucher fort.

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele im Fußball und in anderen Sportarten

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele: Fans
Menschenansammlungen im und um das Stadion sind derzeit undenkbar. (Bild 2)
Infografik zur Abhängigkeit der Ligen von Zuschauereinnahmen
Infografik 1: Gesamtumsätze der Profiligen | Zuschauerschnitt

Warum ein Abbruch für zahlreiche Vereine die Insolvenz bedeutet hätte? Ein Spielausfall entzieht den Klubs jegliche Geschäftsgrundlage. Finden keine Spiele statt, zieht das schwere Folgen mit sich. Erstens verkaufen die Klubs keine Tickets mehr. Zweitens zahlen die TV-Sender keine Mediengelder. Und drittens kürzen Sponsoren ihre Leistungen, weil ihre Werbung einfach niemanden mehr erreicht. Die Bundesliga weist mit durchschnittlich 42.738 Zuschauern pro Partie den höchsten Zuschauerschnitt aller deutschen Spitzen-Ligen in Teamsportarten auf. Trotzdem ist sie am wenigsten vom Stadionbesuch abhängig (12,9 Prozent am Gesamtumsatz von 4,02 Mrd. Euro).

Während also beispielsweise die Deutsche Eishockey Liga rund ein Drittel ihres Umsatzes aus Zuschauereinnahmen erzeugt (32,2 Prozent), sind die Ticketeinnahmen im deutschen Profifußball – und nur im Profifußball, denn auch im Handball oder Basketball zeichnet sich ein ähnliches Bild wie im Eishockey – vernachlässigbar. Folglich wären Geisterspiele in den anderen Sportarten nicht nur nicht gewinnbringend, sondern einfach undenkbar. Einzig für den Fußball, der in erster Linie von den Einnahmen aus TV-Geldern (rund 40 Prozent) abhängig ist, sind Geisterspiele eine gute Lösung.

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele: 69,67 Millionen Euro und das geringere Übel

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele: Allianz Arena
Ausbleibende Mediengelder würden für den FC Bayern Verluste in Höhe von knapp 35 Millionen Euro nach sich ziehen. (Bild 3)

Einen gewissen Verlust würden die Bundesligisten dennoch zu verzeichnen haben. Bei einem Fernbleiben der Stadionbesucher würden sich nicht nur keine Tickets mehr verkaufen lassen, sondern auch die Verpflegung im Stadion oder der Verkauf von Trikots im Fanshop vor Ort würden keine Umsätze erzeugen. Experten errechneten Einbußen in Höhe von bis zu 69,67 Millionen Euro durch die Austragung der nach der Unterbrechung verbliebenen 163 Partien der 1. und 2. Bundesliga als Geisterspiele.

Infografik zur Abhängigkeit der Ligen von Zuschauereinnahmen
Infografik 2: Anteil der Zuschauereinnahmen am Gesamtumsatz in den Ligen | Aufteilung der Einnahmen

Gemildert wurde jener Wert durch geringere Abgaben zur Umsatzsteuer. Zudem verzichteten einige Fans solidarisch auf die anteilige Rückerstattung des Preises für ihre Dauerkarten. Folglich verloren die Klubs zwar viel Geld, aber immer noch weniger als bei einem Saisonabbruch. Denn zumindest wurde gespielt. Und dadurch übertragen. Und dadurch das Recht auf die Auszahlung der TV-Gelder gesichert.

Wie krisenresistent sind die Klubs?

Ein Abbruch der Saison hätte den Bundesligisten das Zehnfache gekostet. Die Klubs hätten einen Verlust von bis zu 750 Millionen Euro verzeichnet. Allein die vierte Tranche der TV-Gelder wären der Liga Einbußen von rund 300 Millionen Euro zugekommen. Der FC Bayern München hätte zum Beispiel auf 34,84 Millionen Euro verzichten müssen.

Geisterspiele sind die einzige Überlebenschance.

Christian Seifert
Geschäftsführer der DFL (am 16.03.2020)

Durch die Abhängigkeit der Klubs von den TV-Einnahmen und die folgende Abhängigkeit vom regulären Spielbetrieb wandeln die Vereine allerdings auf einem schmalen Grat. Ein Saisonabbruch in Kombination mit einer fehlenden Ausschüttung der TV-Gelder hätte spätestens bis Juni 2020 13 Vereine in die Insolvenz getrieben. Das ergab eine Selbsteinschätzung aller 36 der DFL angehörigen Klubs Mitte März.

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele: Fußball ohne Fans ist existenzsichernd

Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele: Medien
Medien sind fester Bestandteil des modernen Fußballs. (Bild 4)

Abhängigkeit gefährdet – auch große Fußballvereine. Besonders der krisengebeutelte Traditionsklub FC Schalke 04 befindet sich in wirtschaftlich schwieriger Lage: Ein Ausbleiben der Zahlung der Mediengelder hätte den Königsblauen, die bereits eine Landesbürgschaft aufnehmen mussten, mutmaßlich den Zahn gezogen. Die Entwicklungen des deutschen Profifußballs in Zeiten der Corona-Krise decken allerdings nicht nur auf, wie anfällig dessen Mitglieder in solchen Zeiten sind, sondern verschärfen das Spannungsfeld zwischen den wirtschaftlichen Interessensgruppen, der gesellschaftlichen Verankerung des Volkssports Fußball und der Ansprüche der Fans.

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Andererseits zeigt die Gewöhnung an Geisterspiele und der Neustart, für den Deutschland in einer Art Vorreiterrolle agierte, wie bedeutungslos die Fans bereits in dem Geschäft, das sie selbst verachten, sind: Es ging nicht um sie. Und auch nicht um das Spiel. Es ging um wirtschaftliche Interessen. Aber auch darum, die Vereine am Leben zu halten. Und das dürfte ja auch im Interesse der Anhänger sein, wenngleich Geisterspiele, die eben dies erfolgreich erreichten, nicht ihr bevorzugter Weg zum Ziel sind. Ja, Fußball ohne Fans ist nichts. Aber in der gegenwärtigen Situation war es dennoch die beste schlechte Lösung.

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Arbeitsauftrag

  • 07.12.2020 – Warum Geisterspiele Bundesliga – nicht aufgeführt
  • 15.12.2020 – Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele – nicht aufgeführt (Keyphrase aktualisiert)
  • 21.12.2020 – Finanzielle Bedeutung der Geisterspiele – nicht aufgeführt

Über den Autor

Sara Denndorf

Liebt Sport und Medien - und betreibt deshalb beides in verschiedensten Funktionen.
Im Fußball ist sie als Spielerin, Schiedsrichterin und Trainerin unterwegs. Journalistisch arbeitet sie unter Anderem als freie Mitarbeiterin bei den Nürnberger Nachrichten in der Online-Redaktion Sport und übernimmt mediengestalterische Aufgaben bei SportsGeist sowie das Layouting des Sportplatzhefts ihres Heimatvereins.