Sprache ist Macht: Essay über gendergerechte Sprache

An alle Leser*innen: Über die Notwendigkeit, das Patriarchat aus unserem Alltagsvokabular zu streichen und gendergerechte Sprache einzuführen

Abb.1: Corona und die Beschränkungen im Zuge der Hygienemaßnahmen als gesellschaftliche und soziale Belastung

Liebe Leser, willkommen zu diesem Essay über gendergerechte Sprache! Ich hoffe, Ihnen allen geht es trotz dieser durch Beschränkungen definierten Zeit so weit, so gut. Es ist wirklich alles andere als einfach, als Student, Schüler, Künstler, Arbeiter durchzuhalten und nicht unter dem Druck der Corona-Maßnahmen einzuknicken.

Wie bitte? Was sagen Sie? Ach so, Sie haben natürlich recht. Auch für Leserinnen, Studentinnen, Schülerinnen, Künstlerinnen und Arbeiterinnen ist es keine einfache Phase. Aber ich bitte Sie: Sie haben doch genau gewusst, dass ich alle weiblichen Personen mitgemeint habe, als ich sagte… Also, jetzt machen Sie doch kein so großes Fass auf! Ich bin nun wirklich nicht sexistisch.

„Dieses Aufbauschen ist echt überflüssig.“

Als angehender Journalist stellt sich mir immer öfter in dieser in politische Einzelinteressengruppen zersplitterten Gesellschaft die Frage, inwiefern die gendergerechte Sprache heutzutage notwendig ist. Muss ich wirklich Lesefreundlichkeit einbüßen, obwohl mir viele Frauen in meinem Umfeld ausdrücklich bestätigt haben: „Ich fühle mich durch das generische Maskulinum auch angesprochen.“? Dass dieses Aufbauschen einer unter allen Umständen gleichberechtigten Sprache überflüssig ist?

Ich verstehe die Unsicherheit, die damit einhergeht, gewohnte grammatikalische Strukturen aufzubrechen. Oftmals führt es zu unangenehmen Momenten, wenn Sie und ich nicht wissen, welche Ansprechform an dieser Stelle angemessen ist. „Das darf man doch heute gar nicht mehr sagen“, mauscheln einige hinter vorgehaltener Hand. Es schränke schlicht und einfach die Übersichtlichkeit in einem Artikel ein, meint hingegen der Chef der Lokalzeitung in Aschaffenburg.

Im Jahr 2020 ist für gendergerechte Sprache „allerhöchste Eisenbahn“

Abb.2: Traditionelles Bild einer Hausfrau der 1950er-Jahre

Ich finde aber: Im Jahr 2020 müssen wir aufwachen! Gendergerechte Sprache ist niemals als eine Einschränkung, sondern vielmehr als Erweiterung unseres Wortschatzes zu werten. Die Welt ist seit vielen Jahrhunderten, -tausenden patriarchisch geprägt; Versuche, die Unterordnung eines Geschlechtes zu revidieren und aufzuholen, schreiten nur langsam und schwerfällig voran.

Daher ist es höchste Eisenbahn (entschuldigen Sie diese Formulierung, die aus dem zwanzigsten Jahr zu stammen scheint – einer Zeit, in der Frauen auch noch ausschließlich hinter dem Herd zu stehen hatten), dieses Denken auch in der alltäglichen Sprache aufzubrechen. Das Anstreben von Gendergerechtigkeit steht sogar im Grundgesetz und ist daher unser aller Pflicht.

→ Wichtige Hinweise zu politisch korrekter Sprache bietet auch das autobiographische Werk „Ich bin Linus“. Autor Linus Giese sensibilisiert sein Lesepublikum zur Aufnahme marginalisierter Gruppen in das Alltagsvokabular.

Sprache ist Macht

Denn: Sprache ist Macht. Wir kennen alle die Auswirkungen von Beleidigungen, egal, ob absichtlich oder eben nicht. Wie verletzend sich dieser kleine Nadelstich ins Herz anfühlt, wenn uns jemand mit Worten wehtut. Und jedes Mal, wenn wir der weiblichen Hälfte der Bevölkerung die Daseinsberechtigung in unserem Alltagsvokabular absprechen, tun wir genau das: Wir beleidigen.

Wir unterstützen es, dass unsere Sprache auf einer männerfixierten Basis aufgebaut wurde. Wir schauen zu und unternehmen nichts dagegen – wie so oft geschieht dies aus purer Bequemlichkeit.

Ich möchte mit meinem Essay über gendergerechte Sprache dafür eintreten, dass sich jedes Geschlecht – ob männlich oder weiblich oder jenseits davon auf dem bunten Spektrum – angesprochen fühlt. Dass sich jeder Mensch durch mich abgeholt und nicht durch veraltete Strukturen vernachlässigt fühlt. Geschlechter sind für mich mehr als gesellschaftliche Konstrukte zu werten, an die bereits ab der Geburt konkrete Erwartungen verknüpft werden, als der Ausdruck von Individualität und der Entfaltung einer eigenen Persönlichkeit. Zu der aktuellen feministischen Bewegung gehört die Angleichung unseres Sprachgebrauchs zwangsläufig dazu.

Abb.3: Forderung nach gendergerechter Sprache im Straßenverkehr

Ein kleines Sternchen kann Bewusstsein schaffen

Jedes Mal, wenn wir gendergerechte Sprache anwenden, können wir zum Nachdenken anregen. Wenn sich jemand an einem Gendersternchen stört, dann muss er*sie sich zwangsläufig damit auseinandersetzen, wieso genau es ihn*sie stört. Wenn wir das Gendersternchen setzen, dann ist das eine bewusste Entscheidung, die darauf hinweist, dass wir uns den teils diskriminierenden Unterschieden unserer Sprache bewusst sind, und etwas dagegen tun.

Eine Taste zu drücken, ein Sternchen mit der Füllfeder auf den Kieserblock kratzen – es verlangt nicht viel, um dieses Zeichen zu setzen. Es ist ein wertvolles Zeichen.

Noch ein langer Weg vor uns

Abb.4: Gendergerechtigkeit ist noch ein langer Weg

Was ich für eine verblendete und idealistische Welt von der Idee habe? Ich bin doch nur ein linksversiffter, Mate-trinkender grüner Student, der gar keine echte Lebenserfahrung hat, die richtigen Probleme der Gesellschaft überhaupt nicht kennt? Der aus seiner privilegierten Sicht einen Essay über gendergerechte Sprache verfasst, der lediglich in der Theorie funktionieren kann? Ich bin ja nur in einem behüteten Umfeld aufgewachsen, in dem ich nie Benachteiligung aufgrund meines Geschlechts zu befürchten hatte. Sie haben recht: Das habe ich nie. Und dennoch kann ich dafür kämpfen, dass es anderen Menschen nicht so gehen muss. Dass sie gehört werden.

Mir ist natürlich bewusst, dass ein Sternchen auf weißem Umweltpapier nicht die strukturellen Probleme lösen wird, die die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau und divers noch immer aufrechterhalten. Dafür gibt es an anderen Stellen genügend Handlungsbedarf. Aber das bloße Mindset, im Text jeweils alle Menschen anzusprechen und nicht nur den männlichen Anteil, sich des Handlungsbedarfs bewusst zu werden, aktiv gegen Geschlechterungleichheiten vorzugehen und dazu auch in der Sprache aktiv zu werden, ist bereits ein erster Schritt auf diesem langen Weg, liebe Leser*innen. Ich hoffe, Sie sehen das genauso.

Exkurs: Geschlechterrollen

Wieso werden an mich, nur weil ich ein Mann bin, Erwartungen geknüpft? Muss ich diese erfüllen? Geht meine individuelle Persönlichkeit hinter gesellschaftlichen Konventionen unter?

Zu diesem Thema veröffentlichte ich einen Instagram-Beitrag, der unter dem Account @medienblogger aufzurufen ist.

Einen weiteren Text des Autors finden Sie unter folgendem Link: „Erinnerungen an einen Sommer, den es nie gab“Rezension zu „Call Me By Your Name“

Über den Autor

Johannes Streb

Die Begeisterung für die Medienwelt begeistert mich schon seit meiner Kindheit: immer die Nase in einem Buch, einen Kopfhörer im Ohr, die Finger auf den Tasten. Seit mehreren Jahren nun führe ich den Blog "Der Medienblogger", auf dem ich bereits über 300 Rezensionen zu Buch, Film und Serie veröffentlicht habe. Dieses Jahr startete ich mit einer Schweizer Bloggerin den Podcast "findichauch." als feuilletonistischen Dialog über zeitgenössische Literatur. Zudem spiele ich leidenschaftlich Theater und bin großer Fan von Lady Gaga und dem Eurovision Song Contest.