Holger Geschwindner: Der Mann hinter Dirk Nowitzki

Dirk Nowitzki – einer der größten Basketballspieler aller Zeiten. Eine Ikone des deutschen Sports. Mittlerweile kennt ihn wohl ganz Deutschland. Wen aber viele nicht kennen, ist der Entdecker Dirk Nowitzkis. Der Mentor Nowitzkis, der Freund, der Berater und die Vaterfigur. Sein Name: Holger Geschwindner.

Dirk Nowitzki (mit Trophäe) 2011 als NBA Champion am Höhepunkt seiner Karriere. Nicht auf dem Bild ist der Mann, der maßgeblich für Nowitzkis Erfolg verantwortlich ist - Holger Geschwindner.
Dirk Nowitzki (mit Trophäe) 2011 als NBA Champion am Höhepunkt seiner Karriere. Nicht auf dem Bild ist der Mann, der maßgeblich für Nowitzkis Erfolg verantwortlich ist – Holger Geschwindner.

Wer ist Holger Geschwindner?

Schrulliger Eigenbrödler, mathematisches Genie oder doch sportlicher Pionier. Die Meinungen zu Holger Geschwindner gehen in der weltweiten Basketballszene auseinander. Den Menschen Geschwindner zu verstehen ist nämlich ganz und gar nicht einfach.

„Der Mensch, der sich mitteilt, wird sich selber los; und wer bekannt hat, vergisst.“

Friedrich Nietzsche

Holger Geschwindner ist ein Philosoph. Er interessiert sich für Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud. Laut Autor Thomas Pletzinger eines von Geschwindners Lieblingszitaten von Nietzsche: „Der Mensch, der sich mitteilt, wird sich selber los; und wer bekannt hat, vergisst.“ Nach diesem Motto lebt der gebürtige Hesse Geschwindner.

Er agiert im Hintergrund und bleibt ein Mysterium. Der Hesse macht sich rar. Das macht es so schwer ihn zu greifen. Doch genau deswegen ist „Hogde“ so interessant. Ein Versuch, den Menschen Holger Geschwindner zu begreifen.

Die Anfänge Holger Geschwindners

Holger Geschwindner wird am 9. Dezember 1945 in Bad Nauheim geboren. Aufwachsen wird er später aber in Laubach, einer Kleinstadt im Landkreis Gießen. Die Stadt Gießen selbst ist damals schon eine der wenigen Basketballstädte Deutschlands. Geschwindner besucht das Graf-Friedrich-Magnus-Alumnat, ein Oberstufengymnasium.

Der Schulleiter seinerzeit ist Theo Clausen, der erste Bundestrainer des Deutschen Basketball-Bundes. Clausen ist Förderer Geschwindners und bringt ihm das Basketballspielen näher. Theo Clausen legt bei Geschwindner den Grundstein für die Faszination Basketball.

Holger Geschwindner als Spieler

Nach dem Abitur studiert Geschwindner von 1967 bis 1972 Mathematik und Physik. In den Unistädten wie Gießen und München spielt er neben dem Studium Basketball. Drei Jahre lang beim MTV Gießen, später fast zehn Jahre lang beim früheren USC München.

Holger Geschwindner (weißes Trikot) bei den Olympischen Spielen 1972.
Holger Geschwindner (weißes Trikot) bei den Olympischen Spielen 1972.

Bei beiden Vereinen läuft der 1,92-große Point Guard in der ersten Basketballbundesliga auf. Während dieser Zeit beruft man ihn in die deutsche Nationalmannschaft. Später ist er Kapitän der Mannschaft. 1972 dann das Highlight seiner Karriere: die Olympischen Spiele im Heimatland, in München.

Holger Geschwindner lässt damals schon seine unkonventionelle Art das Spiel anzugehen, aufblitzen. In einer Zeit, in der Begriffe wie der „Drei-Punkte-Wurf“ bei den meisten Spielern Fragen aufwerfen, ballert Geschwindner munter aus über sechs Metern auf den Korb.

Autor Thomas Pletzinger erklärt in seinem Buch „The Great Nowitzki“ genauer, was Geschwindner für ein Spieler gewesen ist. Geschwindner sei ein Überathlet gewesen. Schnell, wendig und doch ein Kraftpaket. Den meisten Gegenspielern sei er haushoch überlegen gewesen. Gegen größere Spieler hätte er seine Geschwindigkeit genutzt und an ihnen vorbei gedribbelt, über kleinere hätte er einfach drüber geworfen.

Er verstehe das Spiel anders als die anderen. Für Holger Geschwindner sei Basketball kein körperbetontes und striktes Taktikspiel. Basketball sei für ihn Musik, es sei Jazz. Es liefe hin und her, es sei rhythmisch. Fehler seien nicht verboten. Sie seien vielmehr erwünscht, denn daraus resultiere Improvisation, die rein auf Können und Instinkt beruhe.

1987 beendet er dann beim 1. FC 01 Bamberg seine Bundesligakarriere. Holger Geschwindner hört aber nicht auf, Basketball zu spielen. Er ist mittlerweile 49 Jahre alt und spielt als Hobby beim Regionalligisten DJK Eggolsheim. Er ist dort Spielertrainer. Trotzdem sei er seinen Gegenspielern weiterhin überlegen, obwohl die oft nur halb so alt sind.

Holger Geschwindner trifft Dirk Nowitzki

Im April 1993 hat Holger Geschwindner ein Auswärtsspiel in Schweinfurt. Davor läuft ein Jugendspiel. Sofort sei Geschwindner dieser über zwei Meter große Junge aufgefallen. Der 15-Jährige im Trikot der DJK Würzburg spielt anders. Er läuft nicht wild nach dem Ball wie die anderen Jungs. Vielmehr lässt er das Spiel vor sich hin fließen und nimmt außerdem trotz seiner Länge Distanzwürfe.

Geschwindner merkt, dass der Würzburger etwas Besonderes ist. Das Talent ist nicht zu übersehen. Nach dem Spiel stellt sich Geschwindner dem perplexen Jungen vor. Er lädt ihn dazu ein, mit ihm privat zu trainieren. Holger Geschwindner möchte das Talent des Jungens fördern und ihm das Spiel Basketball beibringen. Der Name des Jungen: Dirk Nowitzki.

Der perfekte Wurf

Der perfekte Wurf.
Der perfekte Wurf.

Ab diesem Tag trainiert das ungleiche Duo mindestens zwei Mal pro Woche. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die sich über Nowitzkis ganze Karriere vertiefen wird. Nach etwa drei Monaten Training ist Geschwindner schon klar: Nowitzki kann es bis ganz nach oben schaffen. Und ganz nach oben heißt nicht erste Bundesliga. Es heißt NBA.

Von da an observiert Holger Geschwindner jede Bewegung Nowitzkis. „Hodge“ ist ein Geisteswissenschaftler und Philosoph. Aber auch Pragmat, Mathematiker und Physiker. Er misst Armlängen, Beinlängen, nimmt Nowitzkis Maße. Er berechnet den Abwurfwinkel, die Armstellungen und Beinbewegungen beim Wurf. Holger Geschwindner entwickelt den perfekten Wurf. Dieser naturwissenschaftliche Ansatz ist komplett innovativ.

Institut für angewandten Unfug

Neben der Physik trainiert Geschwindner aber auch auf andere unkonventionelle Weise mit Nowitzki. Er lässt Nowitzki auf Händen durch die Halle laufen, Nowitzki soll mit Froschsprüngen durch die die Halle springen. Außerdem trainieren die beiden oft zu Musik. Holger Geschwindner möchte Nowitzki den Rhythmus des Spiels vermitteln.

Auch neben dem Platz gibt Holger Geschwindner dem Wunderknaben viel mit. Er bringt Nowitzki zum Lesen. Der Junge soll seinen Geist erweitern. Bücher wie „Taifun“ sollen Nowitzki lehren, wie man im echten Leben mit Stürmen umgeht. Geschwindner trainiert Nowitzki nicht nur für den Basketball. Holger Geschwindner trainiert Nowitzki für das Leben.

In Deutschland und später auch in den USA belächelt man die beiden für die unorthodoxen Methoden. Man hätte es Unfug genannt, erklärt Geschwindner. Er nimmt es mit Humor und nennt seine Arbeit mit Nowitzki: „Institut für angewandten Unfug“.

Holger Geschwindner und Dirk Nowitzki in Amerika

Doch dieses Belächeln weicht nach und nach Verwunderung. Dirk Nowitzki wird besser und besser. Spätestens als der Würzburger den Sprung in die beste Basketballliga der Welt schafft, ist es keine Verwunderung mehr da. Es ist Bewunderung. Nowitzki läuft ab 1999 für die Dallas Mavericks auf. Holger Geschwindner ist mittlerweile mehr als nur Trainer. Er ist Nowitzkis Berater und Mentor. Er ist Freund und Vaterfigur.

In Amerika vertieft sich diese Verbindung noch weiter. In der schweren Anfangszeit steht Geschwindner immer an Nowitzkis Seite und unterstützt ihn. Bei den Höhepunkten ist „Hodge“ der engste Vertraute Nowitzkis. Holger Geschwindner verhilft Dirk Nowitzki zu einem der größten Basketballer aller Zeiten zu werden. Bis zu Nowitzkis Karrierende 2019 begleitet Geschwindner ihn zu jedem Spiel, zu jedem Training.

Das Strafverfahren gegen Holger Geschwindner

Wegen Steuerhinterziehung steht Geschwindner 2005 vor Gericht.
Wegen Steuerhinterziehung steht Geschwindner 2005 vor Gericht.

Holger Geschwindner steht nicht gerne in der Öffentlichkeit. Er möchte unbeachtet bleiben. Er möchte im Hintergrund arbeiten. Umso mehr passt das Strafverfahren gegen ihn nicht in seine Vita. Es ist eine der wenigen öffentlichen Schattenseiten seines Lebens. 2005 erhebt die Staatsanwaltschaft Hof Anklage wegen Steuerhinterziehung. Geschwindner ist dem Amt knappe 5 Millionen Euro an Einkommens-, Umsatz- und Gewerbesteuer schuldig.

Die Kaution von schlappen 15 Millionen Euro übernimmt sein Schützling Nowitzki. Geschwindner bekennt sich beim Verfahren schuldig. Die Steuern zahlt Geschwindner zurück Das Urteil im Oktober 2006 ist eine zur Bewährung ausgesetzte einjährige Freiheitsstrafe. Außerdem muss „Hodge“ knapp 50 000 Euro an gemeinnützige Organisationen zahlen.

Wer ist denn nun Holger Geschwindner?

Letztendlich reichen knapp 1 200 Wörter nicht aus, um den Menschen Holger Geschwindner zu begreifen oder zu beschreiben. Er ist Philosoph und Pragmatiker. Er ist Sportler und Abenteurer. Holger Geschwindner ist Mentor und Freund. Er bleibt im Hintergrund, „Reden ist silber, Schweigen ist Gold.“ Geschwindner hält sich bedeckt und konzentriert sich auf das Wesentliche.

Das Wesentliche: Dirk Nowitzki zu verhelfen, das bestmögliche aus seinem Talent zu machen. Dieses „Projekt“ ist ihm wohl mehr als geglückt. Er machte Nowitzki zu einem der besten Basketballspieler aller Zeiten. Nowitzki ist mittlerweile im sportlichen Ruhestand, Geschwindner ist noch mehr in den Hintergrund gerückt. Das wird ihm wohl recht kommen, denn: „Der Mensch, der sich mitteilt, wird sich selber los; und wer bekannt hat, vergisst.“

Quellen:

  • Pletzinger, Thomas; The Great Nowitzki (2019), 1. Auflage
  • Loesch, Leopold & Dehnhardt, Sebastian; Nowitzki. Der perfekte Wurf (2014)
  • Die Zeit, Jochheim, Tobias; Der schrullige Kauz, der Dirk Nowitzki erfand (2012) https://www.zeit.de/sport/2012-11/geschwindner-nowitzki-buch-basketball
  • Der Spiegel; Nowitzki-Mentor bekennt sich schuldig (2006) https://www.spiegel.de/sport/sonst/steuerhinterziehung-nowitzki-mentor-bekennt-sich-schuldig-a-441554.html
  • Wikipedia; Holger Geschwindner (2021) https://de.wikipedia.org/wiki/Holger_Geschwindner

Studienarbeit Friedl Leonard 00157979

Über den Autor

Leonard Friedl

Journalismusstudent in Ansbach. Sport.