Rechtsextremer Kampfsport: Ausbildung der Nazi-Schläger

Rechtsextremer Kampfsport wird unter Neo-Nazis immer beliebter, um ihre Ideologie zu verbreiten und Einnahmen zu generieren. Der Verfassungsschutz beobachtet die Szene bereits. Jedoch gelingt es den Initiatoren meist die Events trotzdem durchzuführen.

Der „Kampf der Nibelungen“

Im Rhythmus der Trommelmusik boxt ein Mann mit Sturmhaube in die Luft. Die Kameraperspektive zeigt ihn von vorne, während er auf seinen Trainingspartner einschlägt. Auf seinem T-Shirt steht in großen Camouflage-Buchstaben „Black Legion“. Das Werbevideo stammt von der Kleidungsmarke „Black Legion“, die bekannt und beliebt im rechtsextremen Kampfsport ist.

Gezeigt wurde das Video auf der mittlerweile berüchtigten Neo-Nazi Kampfveranstaltung „Kampf der Nibelungen“, kurz KdN. Dort kämpfen seit 2013 Profis und Amateure im besonders brutalen „Mixed Martial Arts“- Kampfstil (MMA) gegeneinander. Jedoch ist die Sportveranstaltung zugleich Treff für alle bekannten und unbekannten Neo-Nazi Größen. Zudem gewinnt die Szene auf der Veranstaltung neue Anhänger für sich.

 Die „Kampf der Nibelungen“-Veranstaltung 2019 beispielsweise, besuchten bekannte Neo-Nazis und Straftäter wie Robin Schmiemann oder Sven Kahlin. Viele von ihnen hatten Kontakte zu der rechtsextremen Terrororganisation „NSU“.

Der Organisator und Initiator der Veranstaltung ist der bundesweit bekannte Neo-Nazi Alexander Deptolla. Unterstützung bekommt er von anderen Neo-Nazis und Hooligans wie dem Russen Denis Nikitin. Mit seinem Modelabel „White Rex“ unterstützt er das Event finanziell.

Aufgrund der Corona-Pandemie waren im vergangenen Jahr keine großen Veranstaltungen wie der „Kampf der Nibelungen“ möglich. Daher wurde das Kampfsportevent lediglich im kleinen Format per Livestream durchgeführt. Das Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum-Rechts von Bund und Ländern betrachtete die rechtsextreme Kampfsportszene im letzten Jahr dennoch genauer.

Was ist „Mixed Martial Arts“?

„Mixed Martial Arts“ vereint viele verschiedene Kampfsportarten. Der Mix aus Judo, Karate und Jiu-Jitsu entwickelte sich über Jahrhunderte. Im Jahr 1993 entstand die „Ultimate Fighting Championship“ (UFC) in den USA und ist bis heute die größte Veranstaltungsreihe in der Kampfsportszene des „Mixed Martial Arts“.

Bei den Kämpfen sind einige Schläge und Tritte verboten. Dennoch ist vor allem der MMA Kampfstil besonders blutig. Dabei ist der wichtigste Unterschied zu anderen Kampfstil der Bodenkampf. Bei MMA-Kämpfen schlagen sich die Kontrahenten auch, wenn einer der beiden Kämpfer bereits auf dem Boden liegt. Der Kampf ist erst beendet, wenn ein Teilnehmer nach „Knockout“ bewusstlos ist, oder auf dem Boden liegend abklopft.

Wegen der Brutalität ist MMA umstritten. Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière bezeichnete die Kämpfe als „abscheuliche Form der Menschendarstellung.“

Rechtsextremer Kampfsport ist das Training für den „Tag X“

Monika Lazar (Die Grünen) ist sportpolitische Sprecherin im Bundestag.
Monika Lazar (Die Grünen) ist sportpolitische Sprecherin im Bundestag.

Ähnlich wie bei rechten Rockfestivals dienen Kampfsportveranstaltungen als Gelegenheit für die Neo-Nazis untereinander Kontakte zu knüpfen. Um das zu verhindern, wollen Die Grünen im Bundestag sportpolitische Entscheidungen erwirken. Die sportpolitische Sprecherin Monika Lazar der Grünen sagte hierzu: „Uns muss klar sein, dass die extreme Rechte Kampfsport nicht als Selbstzweck betreibt. Da wird für den Straßenkampf und letztlich für den Umsturz, den ‚Tag X‘ trainiert.“  

Das Bundesinnenministerium ist ebenfalls besorgt. Die Kampfsportevents würden „Mobilisierungspotential“ für Demonstrationen von Neo-Nazis und zusammenhängende Gewaltausschreitungen darstellen.

Der Extremismusforscher Robert Claus schließt sich den Erkenntnissen Lazars im ARD-Format „Monitor“ an: „Meines Erachtens nach dienen diese Trainings der Vorbereitung auf den bewaffneten Straßenkampf und auch für politische Umsturzfantasien. “ Laut Claus ist das Kampfsporttraining in der rechten Szene die Nachfolge der Wehrsportübungen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren.

Bedenklich sei vor allem, dass professionalisierter Kampfsport auf der Straße gegen die Polizei verwendet wird. Hierzu teilte der Facebook-Auftritt von Nikitins „White Rex“ ein Video, in dem ein rechtsextremer Demonstrant einen Polizisten mit einem sogenannten „Double-Leg“ zu Boden ringt. Der „Double-Leg-Takedown“ ist eine Kombination von Tritten und Schlägen, die aus dem „Mixed Martial Arts“ stammt.  

Ein weiteres trauriges Beispiel liefern die Provokationen von Rechtsextremisten auf der „Querdenken“-Demonstration in Leipzig. Im November des vergangenen Jahres demonstrierte die „Querdenken“-Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Darunter mischten sich auch szenebekannte Neo-Nazis. Viele davon besuchen Veranstaltungen wie den KdN und sind bekannt als MMA-Kämpfer.

Die Behörden haben die Events im Blick

Der Verfassungsschutz beobachtet die rechtsextreme Kampfsportszene sehr genau. Im September vergangen Jahres verbot die Polizei eine KdN-Veranstaltung in Magdeburg nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes. Allerdings ignorierten die Teilnehmer das Verbot. Daher griff der Verfassungsschutz durch und löste die Veranstaltung kurzerhand auf. Dabei konnten 95 Personen identifiziert werden. Den aufgebauten Boxring beschlagnahmten die Behörden.

Präsident des Verfassungsschutz Thomas Haldenwang.
Präsident des Verfassungsschutz Thomas Haldenwang.

Auf der Zusammenkunft in Magdeburg sollte Videomaterial für den Online-Stream des KdN-Kampfes im Vorhinein produziert werden. Der Widerstand der Neo-Nazis und Rechtsextremisten zeigt das neu erlangte Selbstbewusstsein der Szene. Die staatlichen Behörden werden missachtetet.

Der Verantwortliche des KdN-Streams Deptolla beklagte sich vor und nach der Übertragung der Kämpfe über die Maßnahmen und Verbote der Behörden. Des Weiteren gab er bekannt, vorerst keine weiteren KdN-Veranstaltungen zu planen. Deptolla würde die Planung für kommende Events erst fortführen, wenn alle juristischen Fragen rund um die Veranstaltungsreihe geklärt sind.

Dabei meint er vor allem auch die laufende Fortsetzungsfeststellungsklage. Im Jahr 2019 verbot der Verfassungsschutz den ersten KdN-Kampf im sächsischen Ostritz. Die ganze Stadt bemühte sich, um ein Verbot des Events zu erwirken. Das gelang. Allerdings wählen Neo-Nazis und Rechtsextreme immer wieder den Ort Ostritz für ihre Zusammenkünfte aus. Auch das Rechts-Rock Festival „Schild und Schwert“ wird regelmäßig dort ausgetragen.

Die Szene wächst

Rechtsextremer Kampfsport findet längst nicht nur auf dem „Kampf der Nibelungen“ statt. Der Verfassungsschutz beobachtete laut dem Verfassungsschutzbericht von 2019 auch das Kampfsportformat „TIWAZ – Kampf der freien Männer“.

Die rechtsextreme Kleinpartei "Der III. Weg" organisierte MMA-Kämpfe.
Die rechtsextreme Kleinpartei „Der III. Weg“ organisierte MMA-Kämpfe.

Der Vermieter des ursprünglichen Veranstaltungsorts von „TIWAZ“ konnte nach Beratung durch Verfassungsschutz und Polizei dazu gebracht werden, das Event zu verbieten. Daraufhin fand „TIWAZ“ mit rund 400 Besuchern auf einem anderen Gelände statt. Das Format verbindet der Verfassungsschutz mit einem „gezielt weltanschaulichen, rechtsextremistischen Kontext“.

Eine weiteres Kampfsportevent organisierte die rechtsextreme Kleinpartei „Der III. Weg“. Auf dem Festival „Jugend im Sturm“ sollten Kämpfe ausgetragen werden. Jedoch verhinderten die Ordnungsbehörden der Stadt Erfurt das Event in letzter Sekunde.

Zusätzlich hält der Verfassungsschutzbericht fest, dass sich die Szene mehr vernetzt als bisher. Rechtsextreme Deutsche besuchten Kampfsportturniere in Bulgarien, der Ukraine oder in Griechenland.

Rechtsextremer Kampfsport vermittelt Nazi-Werte

Der Kampfsport spielt eine zentrale Rolle in der radikalisierten, rechtsextremen Szene. Schließlich passt ein besonders brutaler Kampfstil perfekt zur Ideologie der Neo-Nazis. Wie Markus Schäfert vom Landesamt für Verfassungsschutz Bayern der „Süddeutschen Zeitung“ mitteilte, fördern Kämpfe, laut der Ideologie, „die Überlegenheit des rassisch Stärkeren.“

„Schweiß spart Blut“

Slogan aus dem Werbevideo zum „Kampf der Nibelungen“ 2018

In der Szene gibt es einige eindeutige Bezüge zum Nazi-Körperkult und den Gesundheitsidealen im Nationalsozialismus. Deswegen werden Werte wie Härte, Stärke, Leidensfähigkeit, Mut und Kraft vermittelt. Kämpfe transportieren und veranschaulichen die Werte optimal.

 Slogans, die diese Werte illustrieren, sind häufig auf den Pullis und T-Shirts der Kämpfer zu finden. Darum verkaufen zahlreiche Modemarken wie „Black Legion“, „White Rex“, „Pride France“ oder die Hausmarke des KdN Artikel mit Slogans wie „Kein Sieger glaubt an den Zufall“ oder „Disziplin ist alles“.

Rechtsextremer Kampfsport finanziert sich mit dem Verkauf von Trainingskleidung zusätzlich zu den Ticketverkäufen. Eine Eintrittskarte kostet häufig zwischen 30 und 50 Euro. Zusammen mit den Erlösen der Kleidungsmarken, wird auf den rechten MMA-Kämpfen auch eine hohe Geldsumme generiert.  Daher stehen den Neo-Nazi-Organisatoren enorme Geldsummen zur Planung von zukünftigen Events bereit.

Unter dem Deckmantel der Sportveranstaltung

Die MMA-Kämpfe in der deutschen, rechtsextremen Kampfsportszene waren lange Zeit sehr amateurhaft. Allerdings nähern sie sich jetzt immer mehr den professionellen Standards der großen Veranstaltungsreihen an. Dadurch können die Organisatoren ihre Veranstaltungen leicht als Sportevents tarnen.

Die Kämpfe werden in der Szene immer professioneller.
Die Kämpfe werden in der Szene immer professioneller.

Laut Robert Claus lernen Rechtsextreme bei Kampfstilen wie den „Mixed Martial Arts“, wie man jemanden zu Boden ringt und andere Menschen in lebensbedrohliche Griffe legt. Außerdem ist die Gewalt im rechtsextremen Milieu, die bei den „Mixed Martial Arts“-Kämpfen besonders blutig und extrem ist, dann eine Gefahr auch für unsere Gesellschaft und unsere Verfassung.

Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Damian Groten von der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München: „Unter dem Deckmantel des Sports erhalten Neonazis die Möglichkeit, ihre Positionen zu verbreiten und als normal darzustellen.“

Die Initiative „Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis“ kämpft gegen die Instrumentalisierung des Kampfsports durch Rechtsextreme. Ihr Ziel ist die Information und Aufklärung von Gym-Betreibern in denen Neo-Nazis für die Kämpfe trainieren. Allerdings wird die Kampagne wohl auch in Zukunft noch einiges leisten müssen. Rechtsextremer Kampfsport erlangt Popularität im rechten Milieu. Die Zahl der Veranstaltungen und Teilnehmer wächst stetig. In naher Zukunft werden rechte Kampfsportevents vermutlich ein größeres Problem, das mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen von den Behörden fordert.

Vor allem der Verfassungsschutz muss härter durchgreifen und eine Instrumentalisierung des Kampfsports verhindern. Veranstaltungen wie „TIWAZ“ oder der „Kampf der Nibelungen“ dürfen auf keinen Fall wieder stattfinden. Es liegt an den Behörden, die professionelle Kampfausbildung von Nazi-Schlägern unter allen Umständen zu verhindern.

Studienarbeit Heilinglechner Christoph 00159409

Über den Autor

Christoph Heilinglechner

Christoph Heilinglechner kommt aus dem oberbayerischen 300-Einwohner-Ort Walchensee und hat sein Abitur in Garmisch-Partenkirchen absolviert.
Jetzt studiert er Ressortjournalismus in Ansbach.