Tschernobyl – Eine Reise in die Sperrzone

Maria Reznyk begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Dabei besucht sie die Stätten einer nationalen Katastrophe.

Schild im Sperrgebiet: Warnung vor Radioaktivität

Die Fassaden bröckeln, die Scheiben sind zerschlagen, überall liegen Dinge herum. Eine Puppe mit nur noch einem Auge und einem dreckigen Kleid, ein Buch mit der Aufschrift „Deutsch für Anfänger“ und ein einzelner brauner Schuh. Dies sind die Überreste einer sozialistischen Vorzeigestadt, die innerhalb von wenigen Stunden zu einer Geisterstadt wurde. Die Reise in das verlassene Sperrgebiet von Tschernobyl beginnt.

Maria Reznyk stammt aus Mykolayiv im Süden der Ukraine. Sie reist gerne und arbeitet als Kellnerin. Dafür wechselt sie häufig den Wohnort – mal ist sie in Dubai, mal in Georgien. Doch hin und wieder zieht es sie auch wieder zurück in ihre Heimat. Maria ist 32 Jahre alt. Sie wurde zwei Jahre nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl geboren.

Reise ins Sperrgebiet von Tschernobyl

In einem weißen Kleinbus fährt sie mit einer Reisegruppe die breiten geteerten Landstraßen entlang. Die Natur rechts und links der Straße wird immer wilder und die Nervosität der Reisenden immer größer. Die letzte Ortschaft haben sie schon vor Ewigkeiten hinter sich gelassen. Dann erreichen sie die Grenze. Dort erhalten die Besucher ein kleines, schwarzes Gerät, was sie sich um den Hals hängen sollen. Dies würde sie mittels eines lauten Signaltones warnen, falls einer von ihnen sehr hoher Strahlenbelastung ausgesetzt sein sollte. Als der Wagen weiterfährt, haben sie die erste Etappe ihrer Reise bereits geschafft. Die acht Touristen und ihre zwei Reiseleiter sind im 30 Kilometer weiten Sperrgebiet um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl angelangt.

Ein wirklich bedrückendes Gefühl, die Region der Katastrophe hautnah zu erleben.

Maria Reznyk
Denkmal mit der Inschrift „Prypjat“ auf Russisch

Ausflug in die Vergangenheit

Maria beschäftigt sich viel mit der Geschichte und den Hintergründen verschiedener Orte. Doch die Reise, die sie im März 2020, kurz vor dem weltweiten Corona-Lockdown antritt, ist für sie ein Ausflug in die Vergangenheit auf den Spuren der Geschichte ihres eigenen Landes. Sie selbst kennt niemanden persönlich, der damals bei der Katastrophe dabei war, doch sie erzählt, dass dieses Ereignis auch heute noch eine wichtige Bedeutung für ihre Nation hat. Mit der Erwartung, einen tieferen Einblick zu erlangen und ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was vor 34 Jahren nahe der Grenze zu Weißrussland vorgefallen ist, hat sie sich für diese Tour in das Sperrgebiet angemeldet.

Reise in die verlassene Stadt der Tschernobyl-Sperrrzone

Nach einiger Zeit, kommt der Bus auf einem zentralen Platz zum Stehen. Zwischen Bäumen versteckt stehen große Betongebäude. Die Gruppe hat Prypjat erreicht. Die 1970 gegründete Stadt ist etwa vier Kilometer vom Atomkraftwerk Tschernobyl gelegen. Der Großteil der Bevölkerung bestand damals aus Arbeitern und deren Familien. Prypjat galt als eine moderne, sichere und reiche Vorzeigestadt, weshalb nur staatstreue und vorbildliche Bürger das Privileg bekamen, hier zu leben. Als am 26. April 1986 während eines Testes der Reaktor vier in einer gewaltigen Explosion zerstört wurde, lebten circa 49 000 Menschen in Prypjat. Etwa 15 000 von ihnen waren Kinder. 36 Stunden nach dem Unglück wurde die gesamte Bevölkerung aus der Stadt evakuiert. Zunächst dachte man noch, dass es sich lediglich um einen Ausflug für wenige Tagen handeln würde. Doch sie kehrten nie zurück.

Die verlassene Stadt Prypjat

Reisen auf den Spuren der Tschernobyl-Plünderer

Die Gruppe bewegt sich entlang der Hauptwege. Ein Abschweifen ist nicht erlaubt. Zu groß sei die Gefahr, dass jemand mit radioaktivem Material in Berührung kommt, so die Reiseleiterin. Dann legen sie einen Stopp vor einem ehemaligen Restaurant ein, betrachten die Verwüstung, die Plünderer in einem verlassenen Supermarkt hinterlassen haben und gehen am Hotel „Polissja“ vorbei, von dem heute nur noch das bauliche Skelett steht. „Es ist erschreckend, Prypjat so zu sehen. Von dem Glanz und Glamour, den die Stadt früher zu haben schien, ist nichts mehr übrig. Das Prypjat heute wird beherrscht von Chaos und Verwüstung“, stellt Maria fest.

Ein geplünderter Supermarkt

Ein einsamer Vergnügungspark

Dann erreichen sie das Wahrzeichen der Stadt. Auf dem großen Rummelplatz stehen die Autoscooter, ein kleines Karussell und das gelbe Riesenrad, überzogen mit einer dicken Rostschicht. Acht Monate vor der Katastrophe wurde der Freizeitpark errichtet, mit dem Ziel Spaß und Freude zu bereiten. Am Tag der Arbeit, dem 1. Mai 1986, sollte er feierlich eröffnet werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Ein leichter Windzug geht über den Platz und versetzt das Karussell in Bewegung. „Es ist schon fast gespenstisch hier“, flüstert Maria.

Das Wahrzeichen von Prypjat: Der Freizeitpark

Die Natur schlägt zurück

Die Gruppe überquert langsam den Platz und begibt sich auf ein von Bäumen und Sträuchern überwachsenes Gelände. Erst als die Reiseleiterin erklärt, was dieser Ort ist, fällt es auch den Touristen auf. Sie stehen auf dem ehemaligen Sportplatz von Prypjat. Die Natur hat sich ihren Besitz so weit zurückgeholt, dass nichts mehr von den Bahnen und Linien zu erkennen ist. Auch die Zuschauertribüne ist schon größtenteils verrottet.

Das ehemalige Sportstadion

Eine Reise ins Schwimmbad der Tschernobyl-Geisterstadt

Im verlassenen Schwimmbad, in der Nähe des Sportplatzes, sieht es schon etwas anders aus. Das Becken ist zwar wasserlos, doch steht der Sprungturm noch stabil an seinem Platz. Auch zieren weiterhin eine Stoppuhr und eine Tafel der Schwimmgruppe die sonst so leeren Wände. Tatsächlich sei dieser Ort bis zur Schließung des letzten Reaktors im Jahr 2000 noch in Betrieb gewesen, erklärte die Reiseleiterin. So seien hier vor allem die Arbeiter von Tschernobyl häufig hergefahren, um zu baden. „Wie es wohl gewesen sein muss, ein Schwimmbad inmitten einer verlassenen Stadt zu besuchen?“, fragt sich Maria.  

Das Schwimmbad von Prypjat

Eine verwüstete Schule

Wieder am Auto angekommen fährt die Reisegruppe in einen der anderen Stadtteile Prypjats. Dort halten sie vor einem großen Gebäude, das bis zum Unglück eine Schule war. Auch hier haben die Plünderer gewütet. Überall liegen Bücher und Hefte auf dem Boden verteilt, Stühle sind umgeworfen und Schränke verrückt. Dennoch erinnert noch vieles an die Zeit, in der hier Schüler gelernt, gespielt und gelacht haben. Die Plakate an den Wänden erzählen von Projektarbeiten über geschichtliche Ereignisse und zwischen den Büchern liegen vereinzelt zerbrochene Spielzeuge. „Für mich war die Schule wohl einer der schrecklichsten Orte. Die vorherrschende Verwüstung und Zerstörung hat mich echt erschreckt“, so Maria.

Ein Klassenzimmer in Prypjats Schule

Hilfreiche Karten

Der nächste Ort, den sie besuchen, ist eine alte Polizeiwache. Die Zellen sind dunkel und leer und an den Wänden macht sich Schimmel breit. Lediglich eine übrig gebliebene Karte von Prypjat erweist sich als nützlich. Interessiert betrachtet die Reisegruppe die Orte auf der Karte, von denen sie einige bereits auf ihrer Reise durch das Tschernobyl-Sperrgebiet besucht hatten.

Maria auf der Polizeiwache

Mittagessen neben dem Reaktor

Zur Mittagszeit wurden die Gruppe zur Kantine gefahren. Diese befindet sich unweit des Reaktors und gibt auch heute noch täglich Essen an die Arbeiter aus. Vor dem Betreten des Speisesaals müssen sich allerdings alle Besucher einem Ganzkörperscan unterziehen. Bei diesem wird geprüft, ob sich radioaktives Material an Körper oder Kleidung festgesetzt hat. „Die Scans erinnern ein wenig an solche auf dem Flughafen. Man stellt sich rein, muss Arme und Beine ausstrecken und dann misst das Gerät die Strahlenbelastung“, erzählt Maria. Erst, wenn dieser Scan keine hohe Radioaktivität erkennt, dürfen die Leute den Raum betreten und ihr Mittagessen einnehmen.

Die Scanner für radioaktive Strahlung

Reaktor Vier

Gut gestärkt geht es dann für die Reisenden weiter zu dem Höhepunkt ihrer Reise nach Tschernobyl – Dem Besuch des zerstörten Reaktors. Im Dezember 1986 wurde ein schützender Sarkophag gebaut und über den Reaktor geschoben. Dieser soll das Austreten von gefährlicher Strahlung für die nächsten 100 Jahre einschränken. Damit das auch so bleibt, muss der Sarkophag ständig kontrolliert und erneuert werden. „Es war richtig unheimlich, so dicht am Reaktor zu stehen“, erzählt Maria.

Reaktor 4 mit Sarkophag

Reise in ein zerfallenes Dorf der Tschernobyl-Sperrzone

Nach diesem besonderen Erlebnis geht es für die Gruppe zu ihrer letzten Station – einem kleinen Dorf mitten im Wald. Auch hier seien die Bewohner evakuiert worden, erzählt die Reiseleiterin. Allerdings hätte es hier mehr Schwierigkeiten gegeben. Da Radioaktivität nicht so einfach wahrzunehmen ist, haben viele Bewohner die Gefahr nicht erkannt, die vom zerstörten Reaktor ausging. Viele haben versucht sich vor dem Militär zu verstecken und so eine Evakuierung zu umgehen. Nur für Einige war dieser Plan erfolgreich.

Ein kleines Dorf mitten im Wald vom Tschernobyl-Sperrgebiet

Die letzten Bewohner des Sperrgebietes

Heutzutage leben nur noch wenige Menschen im Sperrgebiet rund um den Reaktor. Viele von ihnen sind Wissenschaftler, Armeeangehörige oder Arbeiter in Tschernobyl. Doch auch einige illegale Bewohner leben versteckt in der Zone. Sie sind Zurückgebliebene oder auch Wiederkehrer. Mittlerweile sind die Meisten jedoch von der Regierung dort geduldet.

Fazit einer besonderen Reise nach Tschernobyl

Auf dem Weg zurück nach Kiew überquert die Gruppe wieder die Grenze. Erneut müssen sie sich zu ihrer eigenen Sicherheit einem Strahlenscan unterziehen. Wieder zurück im Auto zieht Maria ein Fazit: „Dieser Ort sollte uns Erinnerung und Mahnung zugleich sein und stets die Gefahren von Atomkraft vor Augen halten. Für mich war es eine wichtige Erfahrung, in die Vergangenheit meines Landes zu reisen.“

Im Bus ist es still. Die Meisten sind in Gedanken vertieft und schauen aus dem Fenster. So fährt der weiße Kleinbus mit seinen Insassen die breiten Teerstraßen entlang, zurück in die Zivilisation.  


Bildnachweise der Tschernobyl Reise:

  1. „Schild im Sperrgebiet: Warnung vor Radioaktivität“ von Josefine Kasten
  2. „Denkmal mit der Innschrift „Prypjat“ auf Russisch“ von Josefine Kasten
  3. „Die verlassene Stadt Prypjat“ von Maria Reznyk
  4. „Ein geplünderter Supermarkt“ von Josefine Kasten
  5. „Das Wahrzeichen von Prypjat: Der Freizeitpark“ von Josefine Kasten
  6. „Das ehemalige Sportstadion“ von Josefine Kasten
  7. „Das Schwimmbad von Prypjat“ von Josefine Kasten         
  8. „Ein Klassenzimmer in Prypjats Schule“ von Josefine Kasten
  9. „Maria auf der Polizeiwache“ von Josefine Kasten
  10. „Die Scanner für radioaktive Strahlung“ von Josefine Kasten
  11. „Reaktor 4 mit Sarkophag“ von Josefine Kasten
  12. „Ein kleines Dorf mitten im Wald vom Tschernobyl-Sperrgebiet“ von Josefine Kasten
  13. Beitragsbild: „Riesenrad“ von Josefine Kasten

06.12.2020 – Tschernobyl Reise – Platz 98

20.12.2020 – Tschernobyl Reise – Platz 98

Über den Autor

Josefine Kasten

Ressortjournalismusstudentin
Praktikum bei der Schweriner Volkszeitung als Einstieg in den Journalismus
Absolvierte 2017 ein Praktikum beim NDR
Abitur 2019 am Gymnasium in Crivitz
Anschließend Work and Travel durch Europa