Wie Bayer Leverkusen ihren Personalmangel meistert

Lucas Alario
Lucas Alario

Bayer 04 Leverkusen kann in der zweiten Länderspielpause der noch jungen Bundesligasaison ein erstes positives Fazit ziehen. Der Personalmangel in Leverkusen macht sich kaum bemerkbar. Nach anfänglichen Leistungsdefiziten mit drei Unentschieden in der Liga konnte der Werksclub alle folgenden Spiele, mit Ausnahme einer Niederlage in Prag, für sich entscheiden. Die Bilanz setzt sich überwiegend aus der bemerkenswerten Leistung des Stürmers Lucas Alario (neun Tore in zehn Spielen) und der vielversprechenden Rotation im Mittelfeld zusammen.

Nach den ersten drei Spieltagen konnte man die negativen Stimmen der Anhänger verstehen. Am vierten Spieltag in Mainz konnte man den ersten Sieg einfahren. Dieser Auswärtserfolg in der Landeshauptstadt war auch das erste Spiel, indem Trainer Peter Bosz nicht auf dieselben Spieler auf der Doppel-Acht vertraute, sondern mit der Rotation begann. Vor allem Nadiem Amiri und Florian Wirtz fielen dadurch positiv auf und sorgen seitdem zusammen mit Alario für die Erfolge.

Eine zurückhaltende Transferpolitik

Leverkusens Transferverhalten im diesjährigen Sommertransferfenster machte viele Fans skeptisch. Den Verantwortlichen von Bayer Leverkusen war schon länger bewusst, dass man den Abgang von Kai Havertz nur schwer kompensieren werden könne. Zusammen mit dem überraschendem Verkauf vom Stürmer Kevin Volland verlor der Verein innerhalb kürzester Zeit seine Lebensversicherung im Angriff. Im Artikel zu Beginn der Saison wurden die genauen Zu- und Abgänge aufgearbeitet (Link: Warum Bayer Leverkusens Transferpolitik stutzig macht).

Trainer Peter Bosz
Trainer Peter Bosz

Durch die Abgänge der beiden Deutschen erhielt der Werksclub knapp 95 Millionen Euro. Mit der kurzfristigen Leihe von Joel Pohjanpalo an Union Berlin wurde der dritte Offensivspieler in diesem Sommer abgegeben. Dadurch wurde der Personalmangel im Angriff von Leverkusen noch intensiver. Unter Vernachlässigung der Verpflichtung des Torhüters Lennart Grill sowie der Ein-Jahres-Leihe von Rechtsverteidiger Santiago Arias standen den Rheinländern rund 90 Millionen Euro vor allem für Neuzugänge in der Offensive zur Verfügung. Mit diesem beachtlich vorhandenem Transferbudget wurde aber mit dem Tschechen Patrik Schick nur ein Akteur für den Angriff verpflichtet. Somit standen Trainer Peter Bosz nur zwei klassische Stürmer zur Verfügung.

Abgänge von zwei Leistungsträgern verstärkten Personalmangel von Leverkusen

Kevin Volland
Kevin Volland

Es stand so gut wie fest, dass das Leverkusener Eigengewächs Kai Havertz den Verein in diesem Sommer wechseln würde. Nachdem fast alle europäischen Topclubs an dem Wunderkind interessiert waren konnte der FC Chelsea den gebürtigen Aachener erfolgreich in die englische Hauptstadt lotsen. Der Londoner Club sicherte sich Havertz‘ Dienste für 80 Millionen Euro und möglichen Bonuszahlungen an Leverkusen in Höhe von 20 Millionen.

Mit dem Transfer zur AS Monaco verlor Leverkusen in Kevin Volland nicht nur eine weitere Schlüsselfigur im Angriffsspiel, sondern auch eine Identifikationsfigur für die Anhänger des Werksclubs. Die Abgabe des robusten Spielers an das Fürstentum spülte den Rheinländern rund 15 Millionen Euro in die Vereinskasse. Der Grund für den raschen Vollzug des Wechsels in die Ligue 1 waren Unstimmigkeiten zwischen Volland und Leverkusen wegen einer möglichen Vertragsverlängerung hervorgegangen.

Havertz und Volland hinterlassen große Lücken

Kai Havertz
Kai Havertz

Der Weg für Volland war nach den Abgängen von Javier Hernandez ‚Chicharito‘ und Hakan Calhanoglu im Sommer 2017 geebnet. In den folgenden drei Spielzeiten bis zu seinem Transfer hatte Volland in jeder die meisten Scorerpunkte vorzuweisen. 2017/18 kam er mit 14 Treffern sogar auf die meisten bei Leverkusen. In seiner letzten Saison bei der Werkself konnte der Ex-Hoffenheimer aufgrund von Verletzungen in 9 Partien nicht mitwirken. Insgesamt kam er in diesen drei Jahren auf 62 Torbeteiligungen, zusammengesetzt aus 38 erzielten Treffern und 24 Assists.

Zusätzlich zu dieser ‚Ära‘ von Volland spielte bei Leverkusen mit dem beidfüßigem Kai Havertz ein technisch versierter Zehner. Seine herausragenden Leistungen wurden 2018 mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold belohnt. Havertz, der auf dem Platz eine verblüffende Gelassenheit an den Tag legt, wurde von Rudi Völler als eine Mischung aus Michael Ballack und Mesut Özil beschrieben. Nach 10 Jahren bei Bayer Leverkusen wagt der Nationalspieler seinen nächsten Karriereschritt in London.

schon jetzt Weltklasse, mit Sicherheit einer der Besten, die jemals für Bayer 04 gespielt haben.

Ausschnitt einer Lobesrede von Rudi Völler über Kai Havertz

Dreigespann stellt Personalmangel von Leverkusen in den Schatten

Zurück zum Saisonstart in Leverkusen, wo die Mannschaft von Peter Bosz den Ausfall von Patrik Schick verkraften musste. Der Tscheche zog sich schon im dritten Bundesligaspiel einen Muskelfaserriss zu und fehlt seitdem. Somit stand ab dem Zeitpunkt mit Lucas Alario der einzige klassische Stürmer unter Leistungsdruck. Mit diesem konnte der Argentinier aber hervorragend umgehen. Fortan stand er in jeder Partie in der Startelf und erzielte in den sieben Spielen bis zur zweiten Länderspielpause acht Tore. Damit konnte er seine Kritiker überzeugen.

Nadiem Amiri
Nadiem Amiri

Stark unterstützt wurde er dabei vor allem von Florian Wirtz und Nadiem Amiri. An den beiden kann man bereits mehrfach die kreative Spielweise und die unberechenbare Torgefährlichkeit von ihrem Vorgänger Havertz erkennen. Beide machten auf den Teamchef einen guten Eindruck und wurden oftmals Demirbay und Palacios vorgezogen. Die beiden Nationalspieler konnten ab dem Beginn der Rotation in sieben Spielen zusammen vier Tore erzielen und fünf auflegen. Ob die beiden in der Zukunft weiter an Havertz‘ Leistungen anknüpfen können, wird die Zeit zeigen. Der Plan des Trainerstabs, nach dem Abgang von Havertz auf die vorhandenen Kräfte zu vertrauen, ging also bis dato auf.

Verletzungssorgen im Verein

Die zukunftsorientierten Pläne vom Trainerteam wurden aber durch zahlreiche Ausfälle früh beeinträchtigt, wodurch der Personalmangel in Leverkusen weiterhin steigt. So hat das Leverkusener Zentrum mit dem Lendenwirbelbruch vom Argentinier Exequiel Palacios im Länderspiel gegen Paraguay einen weiteren Dämpfer abbekommen. Neben dem Ausfall von Kapitän Charles Aránguiz fehlt nun ein weiterer wichtiger Spieler im Mittelfeld. Künftig stehen mit Julian Baumgartlinger, Kerem Demirbay, Nadiem Amiri und Florian Wirtz nur vier Spieler zur Besetzung der beiden Achter und des Sechsers zur Verfügung.

Zudem fehlt durch die Verletzung der Leihgabe Santiago Arias ein weiterer Akteur. In der ersten Länderspielpause zog sich der Kolumbianer im Spiel gegen Venezuela einen Wadenbeinbruch und eine Sprunggelenksverletzung zu. Der Rechtsverteidiger konnte in der Bundesliga bisher erst ein Spiel absolvieren und wird noch monatelang ausfallen. Dadurch ist Lars Bender auf der rechten Abwehrseite gesetzt und kann nicht, wie in den Jahren zuvor, im Mittelfeld aushelfen. Komplettiert wird die Leverkusener Verletztenliste von fünf Spielern durch den Brasilianer Paulinho, der wegen eines Kreuzbandrisses seit Juli fehlt. Der Flügelspieler befindet sich seitdem in der Reha und ist auf gutem Wege dieses Jahr noch eingesetzt werden zu können. Transfermarkt.de stellt die Verletztenliste im folgenden Link tabellarisch dar (https://www.transfermarkt.de/bayer-04-leverkusen/sperrenundverletzungen/verein/15).


Leverkusen hat für die Erfüllung ihrer Saisonziele mit dem momentan geschwächten Kader noch einen weiten Weg vor sich. Ihre Qualität konnten sie mit dem möglicherweise richtungsweisenden Sieg gegen ihren Mitstreiter um die Champions League – Borussia Mönchengladbach – beweisen. Die Zukunft wird zeigen, wie man in Leverkusen mit der kommenden Vielzahl an englischen Wochen und dem hohen Leistungsdruck weiter umgehen wird.

21.12.2020 – Personalmangel von Leverkusen – Platz 5

Über den Autor

Paul Ruser

Paul Ruser studiert Ressortjournalismus mit Ausblick auf den Bachelor of Arts.
Er begeistert sich für das Verfassen und Verbreiten von Texten sowie
den damit ausgelösten Denkanstößen bei seinen Lesern .
In seiner Freizeit interessiert er sich neben der Welt des Sportes auch stark für Historisches.